Lieder vom ewigen Verdauen

Hungerlieder, Aschestaub und eine bis an die Grenzen des Erträglichen fiepende E-Gitarre. Keine leichte Kost. Dafür bietet „Ich esse deinen Schatten“, das Tanz-Musik-Experiment von Micha Stuhlmann und Beat Keller, viel Raum für Assoziationen. Nach mehreren Aufführungen in der benachbarten Schweiz ist es am 21. Juni um 20 Uhr in der Spiegelhalle des Theater Konstanz zu sehen.

„Die Nacht lächelte und gebar den Sinn“ flüstert Micha Stuhlmann in die Zuschauerrunde. In ihrem neuen Tanz-Kammerspiel, das im März im Kreuzlinger Kult-X Premiere feierte, erzählt sie einen Ursprungsmythos, der viele Interpretationsmöglichkeiten herstellt. Im Gegensatz zur christlichen Entstehungsgeschichte steht hier nicht die verwerfliche, aber auch dem Fortschritt und der Emanzipation vor dem Schöpfergott dienliche Erkenntnis im Mittelpunkt, sondern der Hunger nach Nahrung und Begehrtwerden. Denn Grundlage für alles Leben ist physische und seelische Nahrung. Ob die Geburt des Sinns für Stuhlmann negativ oder positiv konnotiert ist, muss das Publikum selbst für sich entscheiden. Die Tänzerin macht Vorschläge, rezitiert die „Hungerlieder“ in immer wiederkehrender Manier, wie auch der Hunger immer wiederkehrt, wenn alle Nahrung verdaut ist. Der Kreislauf des Lebens ist ein Verdauungskreislauf.

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Blumenkleider im Aschestaub

„Ich esse deinen Schatten“ beginnt mit der Geburt. Aus einem fleischfarbenen Schlauchkostüm schält sich die Tänzerin mit schleppenden, oft noch ungeschickten Bewegungen heraus; der Halt in der Welt, eine Art und Weise sich fortzubewegen, muss erst noch entwickelt werden. In einen Schleier gehüllt erinnert sie an eine der drei Grazien auf dem Bild „La Primavera“ von Botticelli. Der Schleier als Symbol des Übergangs, eine zarte Haut über dem nackten Körper, wie eine Milchhaut, wie eine dichte Nebelschwade. Diese Assoziation kommt gegen Ende des Stücks wieder auf, wenn Stuhlmann ein von Blumen übersätes Kleid trägt, der Frühlingsgöttin „Flora“ auf dem Renaissance-Gemälde gleich. Frühling als Allegorie für Geburt.

Um Kontakt mit der Umwelt aufzunehmen, zu den im Kreis um die quadratische Tanzfläche sitzenden Zuschauerinnen und Zuschauern, stülpt sich das frisch geschlüpfte Wesen „Antennen“ auf die Finger, knochenartige Verlängerungen, mit denen es sich durch den Raum tastet, tanzt und die es umgebenden Menschen erfühlt, bis sich die Fühler verselbstständigen, zu zappeln beginnen und einer nach dem anderen abfallen.

Geräusche treffen auf Gedanken

Der Musiker Beat Keller untermalt die Szenen mit den experimentellen Geräuschen, die er seinen Gitarren entlockt. Mal melodisch, mal an Signale aus dem All erinnernd, mal ein ohrenbetäubendes Fiepen. Beide Künstler wollen hier zum Ursprung vordringen, dem Unverschönten, ganz und gar Körperlichen. Als das Tier Mensch kriecht Stuhlmann über die Fläche und starrt ihrem Gegenüber mit weit aufgerissenen Augen an. Jede Sehne, jeder Muskel tritt hervor, reiner Körper. Nietzsche hätte seine wahre Freude, denn der Körper wird nicht künstlich idealisiert; er wird als das gezeigt, was er ist: Geburt, Bewegung, Verdauung, Tod. Die Kultur als Gegenstück zur Natur kommt durch, wenn Beat Keller statt Geräuschen Melodien spielt, wenn Stuhlmann mit Spaß an der Bewegung tanzt statt kriecht, wenn sie ihre Gedanken in Worte fasst und durch das repetitive Vortragen zum Ritual werden lässt.

Ungeformtes macht Hunger

Aber auch Asche als Symbol für Tod und Vergänglichkeit ist Werkstoff in diesem Kammerspiel. Mit Schwung kippt Stuhlmann das staubige Pulver aus einem Zinneimer und schmiert sich damit Gesicht und Körper ein. In einem weiteren Eimer ist Wasser. Mit beiden Elementen spielt sie ganz infantil – erforscht, wie sich der Dreck auf der Haut anfühlt, welche Geräusche sie mit Wasser erzeugen kann, gurgelnde, glucksende. Kulturelle Konventionen wie Ekel vor Dreck und „unfeinen“ Lauten gibt es noch nicht. Die beiden Künstler wollen nicht nachspielen, was die Gesellschaft als schön vorgibt. Sie konfrontieren ihre Zuschauerinnen und Zuschauer mit dem Ungeformten, Unangepassten, denn das ist gerade das Interessante: „Wenn alles erreicht, wenn alles durchleuchtet, wenn alles schal. Wenn alles platt bequem und alles smart … wenn alles sich erklärt und alles seicht. Wenn alles genau passt. Und alles in Allem und alles in Nichts gelöst. Wenn Zauber, wenn Wunder kein Mysterium ist. Wenn kein Hunger kein Mangel kein Wollen bewirkt“, heißt es in einem Auszug aus dem letzten Zyklus „Tanz und Tod“.

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Das Einzigartige muss unter Artenschutz

Gleichmacherei, Jugend- und Schönheitswahn – sie können vielleicht eine Weile lang täuschen; aber der Körper wird den Trug irgendwann aufdecken und sich in seiner Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit zeigen.

Micha Stuhlmann erhielt 2018 den Kulturförderpreis des Kantons Thurgau für ihr Kunstprojekt „Laboratorium für Artenschutz“. Darin und auch in den Theaterstücken ihres „Micha Stuhlmann Ensembles“ (zuletzt auf Tour mit „Beine baumeln himmelwärts“) beschäftigt sie sich mit Fragestellungen zum Menschsein; wie Mangel ein Motor sein kann oder Andersartigkeit unsere Gesellschaft bereichert. Bei der Preisvergabe traf sie auf Beat Keller, der ebenfalls ausgezeichnet wurde im Bereich Musik und der ihr mit seinen Gitarren-Experimenten „Klangräume eröffnet“, wie Stuhlmann sagt.

Judith Schuck (Foto: Privat)


Wann? 21. Juni, 20.00 Uhr. Wo? Theater Konstanz, Spiegelhalle.