Kulturpolitik statt Gemüseshow

Mit einem Engagement für die Verbesserung der Kulturberichterstattung könnte die Kulturstiftung des Kantons Thurgau einen wichtigen Beitrag zum Kulturleben der Ostschweiz leisten. An Geld dafür fehlt es nicht, die Stiftung müsste sich nur auf ihre eigentliche Aufgabe zurückbesinnen: Statt der Bespaßung des kantonalen Publikums durch das geplante, höchst beliebige „Ratartouille“ für eine ernstzunehmende Auseinandersetzung mit der Kultur in der Region zu sorgen.

Die Schweizer Presselandschaft hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren dramatisch zum Schlechten verändert: durch neue Medien und dadurch bedingt eine nie dagewesene Konzentration. Drei große Medienkonzerne beherrschen im Wesentlichen die gesamte Presselandschaft. So auch in der Ostschweiz und im Thurgau. Gab es früher Titel wie Thurgauer Volksfreund, Thurgauer Tagblatt, Thurgauer Zeitung und weitere kleinere Zeitungen, ist unterdessen ein einziges Blatt übriggeblieben: die Thurgauer Zeitung. Über deren Geschick wird aber schon lange nicht mehr im Thurgau entschieden, sondern In Aarau am Sitz der CH- und AZ-Medien. Allenfalls noch in St. Gallen beim St. Galler Tagblatt, deren regionaler Ableger die Thurgauer Zeitung ist. In Frauenfeld sitzt nur noch eine Rumpfredaktion.

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Kultur als Nischenthema

Diese bestimmt auch nicht über die in der Regel dreimal pro Woche erscheinende Seite „Ostschweizer Kultur“, die die gesamte Region von Liechtenstein bis Schaffhausen abdeckt und eher unsystematisch über dieses und jenes Kulturereignis berichtet – Konzerte, Theater, Ausstellungen und hin und wieder über ein Buch. Die Kulturlandschaft aber wird auf diese Weise weder systematisch abgebildet noch gestärkt. Es gibt unsystematische Veranstaltungshinweise, aber schon lange keine Nachberichterstattung mehr, die für die Nachhaltigkeit von Kulturveranstaltungen ebenso wichtig ist wie Ankündigung und Analyse. Es handelt sich mehr um eine verlegerische Alibiübung. Dann gibt es da noch das St. Galler Kulturmagazin Saiten, das seinen Schwerpunkt indessen im St. Galler Kulturleben (und Politbetrieb) sieht. Schließlich die Online-Plattform thurgaukultur.ch. Sie existiert seit gut zehn Jahren und ist genau aus jener Not geboren worden, die ich oben beschreibe, zu einem Großteil finanziert aus öffentlichen Mitteln (!), nämlich dem Lotteriefonds des Kantons Thurgau.

Im Dezember letzten Jahres hat nun die Kulturstiftung des Kantons Thurgau ihr neues Förderkonzept vorgestellt. Das nennt sich Ratartouille, eine Verballhornung des französischen Gemüsegerichts, in der sich das Wort Art verbirgt, mithin ein Kunstallerlei. Verschiedene Sparten wie Kunst, Musik, Tanz und Literatur sollen sich zusammentun und spartenübergreifend etwas zur Aufführung bringen. Darbietungen im Cross over verschiedener Disziplinen liegen im Trend, das Publikum soll mit Spektakel unterhalten werden. Nur wie die einzelnen Teile entstehen sollen, erfährt man nicht. Werke aus Theater, Tanz, Kunst und Musik, die man zusammenführen will, müssen ja zuerst einmal entstehen. Wie das vor sich gehen soll, bleibt offen. Dafür, diesen Prozess «zu initiieren», fehlten der Kulturstiftung «schlicht die Ressourcen», heißt es. Anderes steht sehr wohl fest. Aus den Eingaben wählt eine Jury maximal drei Projekte aus, deren Ausarbeitung werden mit je 5000 Franken unterstützt. Und am Schluss wählt das Publikum den Sieger aus, dessen Projekt mit 100.000 Franken prämiert wird. Inhaltlich bleibt das Ganze vage, dafür wird finanziell geklotzt.

Geringschätzung der Kunst

Mein Vorschlag wäre der folgende: Man nehme von den insgesamt ausgelobten 115.000 Franken 50.0000 und verwende sie für die Schaffung einer fünfzigprozentigen Redaktionsstelle mit der Auflage, drei weitere Seiten «Ostschweizer Kultur» pro Woche zu produzieren. Ein Vertrag wäre auszuhandeln zwischen der Kulturstiftung und dem Verlag der Thurgauer Zeitung, respektive des St. Galler Tagblatts. Die öffentliche Hand würde dem notleidenden Verlag unter die Arme greifen, das kulturinteressierte Publikum würde endlich wieder in die Lage versetzt, sich einen mehr als ausschnitthaft verstümmelten Überblick über das kulturelle Leben und die künstlerische Produktion im Kanton und in der Region zu verschaffen.

Dass die Ausdünnung der Kulturberichterstattung wohl eher andere Gründe als eine finanzielle Notlage der Printverlage haben dürfte, nämlich die Geringschätzung von Kunst und Kultur und des Lesepublikums, tut dabei nichts zur Sache. Und der Einwand, die Unterstützung privater Verlage mit öffentlichen Mitteln sei nicht zulässig oder gar unmöglich, kann mit dem erfolgreichen Beispiel von thurgaukultur.ch, einer gemeinnützigen AG, widerlegt werden. Und mit dem Magazin Saiten in St. Gallen, das eindeutig nicht profitorientiert arbeitet, stünde nötigenfalls ein zweiter, mit thurgaukultur.ch sogar ein dritter Ansprechpartner zur Verfügung, die Online-Plattform könnte eine Aufstockung ihrer finanziellen Mittel gut gebrauchen. Der Weg zum Ziel einer besseren Kulturberichterstattung mag steinig werden, aber ihn anzugehen, lohnt sich. Vor über dreißig Jahren schien das Ziel der Schaffung einer von der Politik unabhängigen Kulturförderung in Gestalt der späteren Kulturstiftung ebenfalls unerreichbar, heute aber gibt es sie.

Jochen Kelter (Bild: Jochen Kelter, fotografiert von Isolde Ohlbaum)

Der Autor war von 1990 bis 2003 Mitglied des ersten Stiftungsrats der Kulturstiftung des Kantons Thurgau.