Komprovisationen und Jazz

Beethoven kennen wir, der hat sich doch das Ohr abgesäbelt; Mozart, klar, göttliche Inspi­ra­tion und scharf wie Lumpi; Bach, logo, hat gesoffen, ist oft auf Briefmarken und gläubig wie sonst was („Gott erhalte Franz, den Kaiser“). Aber was lässt sich über improvisierte Musik schreiben? Versuchen wir’s. High Noon ver­bin­det am Sonntagmittag gewohnt experimentier­freudig Komposition und Improvisation, und Patrick Manzecchi spielt am Abend unter anderen mit Scott Hamilton gediegenen Jazz.

Beide Veranstaltungen haben trotz ihrer grundverschiedenen Ausrichtung – hie experimentelle Neue Musik, dort brillanter Jazz – eines gemeinsam: Die besonderen Bedingungen der Pandemie. Die Jazzer treten abends zu gleich zwei kürzeren Konzerten im Wolkensteinsaal an, während High Noon am Mittag die Möglichkeit, das Konzert zu wiederholen, vom Publikumszuspruch abhängig macht. Für alle Konzerte ist jedenfalls eine Voranmeldung angesagt, und die Plätze könnten schnell ausverkauft sein.

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Wie es uns gefällt

Bereits seit einigen Jahrzehnten verschwimmen die Grenzen zwischen Neuer Musik und Jazz. Spätestens bei Alexander von Schlippenbach, der unter anderem bei Bernd Alois Zimmermann studiert hatte, aber vor allem als Jazzer reüssierte, oder bei Peter Brötzmann, der mit der legendären Scheibe „Machine Gun“ 1968 die deutschen Ohren ausputzte, gerieten beide Richtungen irgendwie an-, in- und übereinander. Klar, wenn man etwas Neues spielen will, ist die Improvisation immer eine taugliche Vorgehensweise – sofern man sie beherrscht, denn Improvisation ist nicht etwa Chaos, sondern wie eine spontane Unterhaltung, in der der Strom der Gedanken vor sich hinmäandert, indem sämtliche Beteiligten den Gesprächsfaden – wie von Geisterhand gesteuert – gemeinsam fortspinnen.

Für richtig neue Musik steht in Konstanz vor allem High Noon, denn der Verein präsentiert immer wieder – zu vor allem mittäglicher Stunde – Konzerte, bei denen mit vielen Überraschungen gerechnet werden darf, da der Schwerpunkt der Konzerte ganz bewusst auf der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart liegt. Am 20. September im Neuwerk treffen nun drei Musiker aufeinander, die teils schon mehrfach bei High Noon-Konzerten dabei waren, und sich auf teils komponierte, meist aber improvisierte Musik einlassen. Der Gitarrist Carsten Radtke aus München, der übrigens 1999 den Förderpreis Musik der Stadt Konstanz erhielt, ist weltweit tätig und hat bereits mit vielen Gruppen wie etwa dem Ensemble Modern und renommierten Musikschöpfern wie Peter Michael Hamel zusammengearbeitet. Der facettenreiche Zürcher Drummer Lucas Niggli, der 1968 (angeblich mit einem Trommelwirbel) als Kind von Entwicklungshelfern in Kamerun zur Welt kam, wurde durch Beatles-Schlagzeuger Ringo Starr mit der Leidenschaft für das Schlagwerk infiziert. Der Journalist Andreas Felber schrieb über ihn im Programmheft der Jazztage Bludenz: „Schon für den Gymnasiasten bedeuteten die parallele Mitgliedschaft in Schul-Bigband, Schul-Chor und im Schweizer Jugend-Sinfonieorchester keinen Widerspruch. Nach der Matura erweiterte Niggli seinen Horizont durch Workshops u. a. bei Robin Schulkowsky bei den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik, er vertiefte sich in Werke von John Cage, ließ sich von Edgard Varèses ‚Ionisation‘ elektrisieren, lauschte den Grooves von Joey Baron, Tony Williams, Jack DeJohnette, aber auch von Terry Bozzio und Thrash-Metal-Schlagzeuger Dave Lombardo, spielte afrikanisch inspirierte Party-Musik in der Band ‚Atcha Makossa‘. Lucas Niggli, das Kind des postmodernen Anything-Goes, der Mann, der auf vielen Hochzeiten tanzte.“

Beide bewegen sich bei ihrem künstlerischen Schaffen auf der Schnittstelle zwischen zeitgenössischem Jazz und Neuer Musik. Gemeinsam mit Ralf Kleinehanding am Vibraphon und anderen Schlaginstrumenten werden sie Klänge zwischen Improvisation und Komposition präsentieren.

Eine Legende

Nicht minder einfallsreich, aber auf vertrauteren Pfaden wandeln dann am Abend die Jazzer. Der Konstanzer Drummer Patrick Manzecchi hat den Tenorsaxophonisten Scott Hamilton eingeladen, der einer der bekanntesten Saxophonisten seiner Generation ist. Er arbeitete mit Gerry Mulligan, Woody Herman und Rosemary Clooney zusammen und spielte im Orchester von Benny Goodman mit. Hamilton kann auf rund 40 eigene Tonträger verweisen und gilt mit seinen 66 Jahren als einer der großen Vertreter des Swing und Modern Jazz, der die ungebrochene Tradition der goldenen Ära des Jazz inspiriert in die Gegenwart verlängert.

Anmeldung erforderlich

High Noon
Die Platzzahl ist auf 40 ZuhörerInnen beschränkt. Das Konzert findet im Anschluss um 14.30 Uhr noch einmal statt, falls mehr Reservierungen eingehen.
Was: Komprovisationen. Musik zwischen Improvisation und Komposition.
Wer: Ralf Kleinehanding (Vibraphon, Schlagzeuge), Lucas Niggli (Drums), Carsten Radtke (Gitarre).
Wann:
20.09.2020, 12.00 Uhr, plus evtl. Zweitkonzert um 14.30 Uhr.
Wo: Saal des Neuwerks, Oberlohnstraße 3, 78467 Konstanz.
Wie: Eine Voranmeldung unter info@highnoonmusik.de oder unter 07732-982669 ist zwingend notwendig: Name mit Adresse oder Telefonnummer oder E-Mail inklusive gewünschter Anzahl zusammenhängender Plätze sowie der Mitteilung, ob ein Konzert um 14.30 Uhr auch infrage käme. Die Platzverteilung erfolgt in der Reihenfolge der Anmeldungen.
Wofür: 10,-/6,- Euro.

Jazz im Kulturzentrum
Was:
Jazz im Kulturzentrum: Patrick Manzecchi featuring Scott Hamilton (USA).
Wer: Patrick Manzecchi (dr), Scott Hamilton (sax), Thomas Siffling (tr), Martin Sasse (p), Joel Locher (db).
Wann:
20.09.2020, 1. Konzert 19.00-20.00 Uhr, 2. Konzert 21.00-22.00 Uhr.
Wo: Kulturzentrum am Münster, Wolkenstein-Saal, Wessenbergstraße 43, 78462 Konstanz.
Wie: Anmeldung mit voller Adresse erwünscht unter info@jazzclub-konstanz.de.
Wofür: 15,-/12,- Euro.

MM/red (Bild: Lucas Niggli, fotografiert Francesca Pfeffer)