Hurra, wir leben noch (die meisten jedenfalls)

So langsam wird klar, dass es jetzt eine (Teil-) Rückkehr zu Kultur, Bildung und Unterhaltung geben dürfte, und das natürlich auch in unserer Region. Alles wieder wie früher? Beinahe jedenfalls, außer dass der Kampf um die Eintrittskarten härter als gewohnt werden könnte, weil es wegen der Sicherheitsabstände vorläufig noch weniger davon geben wird. Steht nur zu hoffen, dass die Nationalmannschaft bei der EM frühzeitig ausscheidet, damit sich die Hallen auch an allen Abenden richtig füllen.

„Kultur“ kommt vom lateinischen Wort „colere“, das entgegen anderslautenden Gerüchten, die im Kulturbetrieb immer wieder einmal grassieren, nichts mit „cholerisch“ zu tun hat, sondern ursprünglich „pflegen“, bebauen“ usw. meinte. Es ging bei der Kultur ganz eigentlich also um Ackerbau und Viehzucht – und natürlich auch um die Baumpflege, die schon im Altertum eine große Rolle spielte, denn die Bäume wuchsen auch damals nicht in den Himmel, zumindest nicht von selbst.

Baum schlägt Stimmband

In diesem Sinne sind die Baumpflegearbeiten in der Pappelallee im Tägermoos, für die der Durchgangsverkehr im Rheinweg vom und zum Kuhhorn vom 14. bis 18. Juni 2021 abschnittsweise gesperrt wird, also klassische Kultur – und für etwaige Zuschauer (trotz des nötigen Sicherheitsabstandes) dazu auch noch umsonst und draußen. Schweifen die Gedanken zurück, welche Tumulte und künstlerischen Aktionen diese Pappelallee und ihre „Pflege“ vor einigen Jahren auslöste, lässt sich in der Baumbeschneidung gerade an dieser Stelle unschwer ein gewichtiges Stück Konstanzer Kulturgeschichte erkennen, das mehr Emotionen auslöste als jede Opernarie (aber natürlich ein bisschen weniger als etwa ein Sieg bei der bevorstehenden Fußball-EM über einen der Fußballriesen vom Schlage Nordmazedoniens).

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Das mit der ergreifenden Opernarie lässt sich übrigens bald ändern: Die RathausOper 2021 präsentiert in diesem Jahr eine Oper von Haydn, der für mich eine der ganz großen Neuentdeckungen der letzten Zeit ist. Nachdem ich viele Jahrzehnte lang wie so etliche meiner Mitmenschen „Papa“ Haydn für einen ausgemacht konventionellen Langweiler und Tralalisten hielt, öffnete mir die Aufnahme der späten Klaviersonaten mit dem ohnehin meist großartigen Ronald Brautigam am Hammerklavier vor Jahren zuerst die Ohren und bald auch das zutiefst verstockte Hirn. Haydn ist ein ganzer musikalischer Kosmos, von den „Sieben letzten Worten unseres Erlösers am Kreuze“ über die späteren Streichquartette und Klaviersachen bis hin zu manch anmutigem Orchesterstücklein. Aber Haydn als Opernkomponist? Da der Verkauf für die Aufführungen erst in fünf Wochen beginnt, gedulden Sie sich bitte noch ein wenig, wir werden pflichtschuldigst rechtzeitig Laut geben.

Wann, wo & wie? Lauerstellung einnehmen und längere Zeit beibehalten.

Der Mann mit den dicken Backen

In der Konzertmuschel auf der Mettnau gibt es bis in den September hinein noch achtmal Sommer-Jazz, der sich vom Winter-Jazz eigentlich nur dadurch unterscheidet, dass er im Freien gespielt werden kann. Bereits an diesem Sonntag tritt dort Uli Binetschs „Own Bone“ zur besten Frühschoppenzeit an. Die Truppe vereinigt mit Uli Binetsch (trombone), Nico Hutter (sax), Will Bartlett (keys), Jörgen Welander (bass) und Fred Heisler an den drums einige der besten Musiker der Freiburger Szene. Sie spielen Funk und Fusion u.a. von Jeff Lorber und den Yellow Jackets, aber auch Eigenkompositionen. „Das Ding muss grooven“, fordert der Posaunist Uli Binetsch – dann groovt mal schön.

Außerdem gibt es in diesem Sommer auch vier Sommernachtsveranstaltungen und wie immer ein Theaterstück – dieses Mal wird an acht Abenden im Juli, August und Oktober „Weg damit“ von Charles Lewinsky in einer Inszenierung von Waltraud Rasch gegeben, eine Tragikomödie um die Berufserlebnisse einer Reinigungsfachkraft.

Wann, wo & wie? Jazz am 13.6., 11-13.30 Uhr, Alte Konzertmuschel, Mettnaustraße 21, 78315 Radolfzell am Bodensee. Theateraufführungen siehe Homepage. Weitere Informationen, Reservierungen und Zutrittsvoraussetzungen unter www.zellerkultur.de.

Deutsch-französische Freundschaft

In diesem Sommer soll möglich werden, was im letzten Jahr die Seuche brutal verhinderte: Die Deutsch-Französische Vereinigung Konstanz, bald nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet, begeht nachträglich Ihren 70. Geburtstag mit einigen Veranstaltungen, einem Fest und einer Ausstellung im Bürgersaal. Sie erinnert dabei an einen Abschnitt der Stadtgeschichte, der vor allem von den historischen Erfahrungen zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem Abzug der letzten französischen Soldaten im Jahr 1978 geprägt wurde.

Den Auftakt macht am 3. Juli das Sommerfest. Neben einem Grillfest mit völkerfreundschaftlichem Blick auf die Nationalfeiertage von Frankreich (14. Juli) und Italien (2. Juni) gibt es weitere Programmpunkte wie ein Kindertheater und eine Tombola. Auch eine Tanzgruppe aus Lateinamerika wird für Unterhaltung sorgen und die VeranstalterInnen versprechen einige Überraschungen.

Wann, wo & wie? Sommerfest am 3.7. vor dem Clubheim im Buhlenweg 5d, Ausstellung im Bürgersaal vom 12.-25. Juli 2021. Weitere Informationen: www.dfv-konstanz.de.

Ein neuer Platz für Kultur?

Ein kulturelles Highlight allerdings könnte in diesem Sommer ausfallen, auch wenn es noch ein Märchensommer werden sollte: Die Autokorsos durch die Innenstadt, mit denen begeisterte Menschen die überlegene Kultur ihrer Mannschaften zu feiern pflegen. Die Stadt Konstanz behält sich vor, an den Spieltagen der Fußball-Europameisterschaft die Bodanstraße, den Bahnhofplatz und die Konzilstraße jeweils von 16:30 Uhr bis 1:00 Uhr für den allgemeinen Fahrzeugverkehr zu sperren, „so weit und so lange dies aus Verkehrssicherheitsgründen verträglich ist“.

Das könnte eine schöne Gelegenheit bieten, die dann endlich einmal verkehrsberuhigte Bodanstraße kulturell zu nutzen: Etwa für Pantomimen, die auf den Verkehrsinseln stehen und die an diesen Abenden spürbar verbesserte Luftqualität sinnbildlich darstellen – oder sich über die flanierenden Fans der unterlegenen Mannschaften lustig machen, bis die sie für immer zum Schweigen bringen.

MM/red (Bild: Uli Binetsch/Zeller Kultur e.V.)


Das in diesem Text erwähnte Sommerfest der Deutsch-Französischen Vereinigung Konstanz findet nicht statt.