Einer für alle …

seemoz berichtete bereits im Vorfeld über Gerd Zahners neuesten Theaterstreich „10 Plus. Kette und Schuss“, der aktuell im Vereinsheim der Radsporthalle Konstanz zu bestaunen ist. Zahner zeichnet darin Aufstieg und Niedergang des in Blumberg im Schwarzwald geborenen FC Bayern-Spielers Dieter „Kuli“ Koulmann nach, dem sein Fußballtalent zum Ruhm verholfen und die Alkoholsucht sowie die Kapitalisierung des Fußballs den Abstieg beschert haben. Wolfgang Hagemanns Inszenierung der Ein-Mann-Geschichte ist trotz einiger Ecken und Kanten durchweg vielversprechend.

Der Mief aus Jahrzehnten

Auch vergangenen Samstag war der außergewöhnliche, wenngleich überaus passende, Spielort bis auf zwei freie Plätze ausverkauft. Die Zeitreise in die 60er- und 70er-Jahre startet schon vor Beginn des Stücks. Aus den Lautsprechern plätschern das „Knallrote Gummiboot“, der „Itsy Bitsy Teenie Weenie Honolulu Strandbikini“ und „Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln geh’n“. Der Geruch nach Schweiß vergangener Jahrzehnte steigt einem unweigerlich in die Nase. Das Publikum sitzt überwiegend an Tischen und bestellt Getränke – es herrscht eine kommunikative Atmosphäre, die, wenn man klassische Theaterbesuche gewohnt ist, zunächst etwas befremdlich wirken mag. Die unabdingbare Pokalvitrine sowie der Tresen sind aus dunklem Holzfurnier, das aus den Sechzigern nicht wegzudenken ist. Klischeehaft prangt an der Theke ein im Nachhinein aufgeklebtes „Rauchen verboten“-Schild. An den Fenstern Vorhänge aus Häkelspitze. Mit den Eigenarten dieser „Bühne“ geht die Regie ausgezeichnet um. Was man mit einem CD-Player und zwei mobilen Scheinwerfern nicht alles machen kann!

Ein Hoch auf das Feinrippunterhemd

Dann tritt er auf, Dieter Koulmann alias Thomas Fritz Jung, in Unterhemd und beigefarbener Bügelfaltenhose, mit zerzaustem Haar und rotem Kopf, eine Cointreau-Flasche in der Hand. „Tot saufen macht nicht betrunken“, konstatiert er. Allerdings für eine Säufer-Figur wenig lallend oder torkelnd – viel zu präsent ist der Schauspieler. Zugegeben, die Balance zwischen Bühnenpräsenz und der Verkörperung eines Häuflein Elends ist auch schwierig. Die Darstellung der auf Misstrauen gründenden Paranoia („Fußballer entwickeln mit der Zeit die Fähigkeit zu spüren, ob jemand hinter ihnen steht“) wiederum überzeugt. Die Zuschauer folgen dem Blick über die Schulter, dorthin, wo nur der eigene Schatten steht. In der Ich-Form erzählt der „Held von ’67“ schließlich rückblickend von seinem Leben. Thomas Fritz Jung schlüpft dabei immer wieder gekonnt in andere Situationen und Rollen. Als Sportkommentator-Koulmann kommentiert er sein eigenes Spiel und sorgt durch das Sprechen in einen Pokal für Stadion-Feeling. Nahezu humorvoll spricht er einen Dialog mit einer seiner Eroberungen im Club nach und scheut auch vor einer den heiteren Abend illustrierenden Tanzeinlage mit einer jungen Dame aus dem Publikum nicht zurück. Diese kann sich, so scheint es, entgegen ihrer Überraschtheit ganz auf die professionellen Tanzkünste Thomas Fritz Jungs verlassen, ohne viel dazutun zu müssen. Ein Extra-Applaus dafür ist inklusive.

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Musik wird wohldosiert, aber immer an den richtigen Stellen, eingesetzt. The Kinks‘ „Sunny Afternoon“ lässt in unserer Vorstellung die Zeit der Fußball-Beaus wieder aufleben, die, vom letzten Preisgeld teuer eingekleidet und gestylt, auf Brautschau durch die Münchner Innenstadt flanierten und dabei versuchten, selbst nicht zu sehr von ihrem Erfolg überwältigt zu sein, sondern lässig zu wirken. In Kombination mit einer Schiedsrichter-Pfeife oder dem energischen Rhythmus-Klopfen des Darstellers bringt die Musik im Hintergrund Tempo in die Szenen. Etwa wenn es um die Auseinandersetzung mit Robert Schwan, erster hauptamtlicher Manager im deutschen Fußball und persönlicher Manager von Franz Beckenbauer, geht, in dessen Tochter Koulmann sich verliebt. Satzperlen wie „wir spielen Fußball, die spielen Fußballer“ erquicken das Zuschauerherz, zeugen aber gleichzeitig von einer Schwäche des Stücks: Die Figur Koulmann drückt sich für einen Fußballer, noch dazu einen aus einer Bergbauarbeiterfamilie, der auf dem Lande aufgewachsen ist, viel zu elaboriert aus. Koulmanns Text, das ist Zahners wundervoll präzises und zugleich leichtfüßiges Spiel mit Sprache, aber ist das Dieter Koulmann, der als Einzelgänger seinen Mitspielern gegenüber wohl eher still und schweigsam war? Der Alkohol – Thomas Fritz Jung trinkt ihn auch aus dem Pokal, der im Laufe von Koulmanns Leben an Bedeutung verliert – macht ihn vielleicht redselig? Ein ehemaliger Spielerkollege Koulmanns bestreitet indes dessen Alkoholabhängigkeit vehement.

Gute Freunde kann niemand trennen, oder doch?

Jedenfalls waren es wohl Koulmanns öffentlich gewordene Eskapaden und seine Rebellion gegen Schwan, die seine steile Fußballerkarriere abrupt gen Rasenlevel führten. Und wie so oft ging es dabei auch ums liebe Geld. Beim Geld, das für Schwan zunehmend wichtiger wurde als der Fußball selbst, hört ja bekanntlich die Freundschaft auf. „Er (Schwan) riss dem Fußball das Herz heraus und stopfte es mit Geld“, kritisiert Koulmann im Stück. Schwan verkauft ihn gegen seinen Willen kurzerhand an die deutlich weniger erfolgreichen Kickers Offenbach, während Beckenbauer, Müller & Co. ohne ihn nach den Sternen griffen. Der Verein, der für ihn war „wie ein zweiter Verstand“, hatte ihn fallengelassen. „Ich werde Bayern München fehlen, oder?“, fragt er sich und das Publikum sichtlich verunsichert. Der Fußball des Herrn Schwan, der Ersetzbarkeit, der Wirtschaftlichkeit und der Käuflichkeit hat sich leider inzwischen durchgesetzt. Nicht ohne Grund forderten die Teilnehmerinnen der Frauenfußball-WM, die für Fernsehsender und Fanartikelhersteller wesentlich unlukrativer ist als die Herren-WM, nun Equal Pay. Einen Fußball für alle? Gibt es schon lange nicht mehr.

F. Spanner


Nächste Aufführung: Mittwoch, 17.7. im Vereinsheim der Radsporthalle Konstanz, Salesianerweg 7. Telefonische Kartenbestellung: 0049 7531 900 106. Oder per Email:
PresseTheater@konstanz.de


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