Eine Ode an das Schlagzeug

Von den Konstanzer Partnerstädten bekommt man bis auf Schüleraustausche oder gegenseitige Delegationsbesuche als KonstanzerIn im alltäglichen Leben wenig bis gar nichts mit. An letztere erinnert man sich aufgrund bestimmter Unzulänglichkeiten eines gewissen Kulturbürgermeisters sogar eher leidlich negativ.  Welch‘ pralle Früchte ein interkultureller Austausch – auf der weniger institutionellen Ebene – tragen kann, zeigt nun der von Ingo Putz inszenierte Monolog für einen Spieler und zwei Schlagzeuge „Ein Leben in Takt“.

Das mehrfach preisgekrönte Original „Une vie sur mesure“ stammt von Cédric Chapuis aus Frankreich und wurde von der Französin Eugénie Verbeurgt ins Deutsche übersetzt und adaptiert. Als sich Verbeurgt mit dem ehemaligen Chefdramaturgen am Konstanzer Theater Daniel Grünauer in Fontainebleau traf, entstand die Idee einer Premiere der deutschsprachigen Fassung in Konstanz.

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Goldenes Handwerk

Arlen Konietz liefert eine überzeugende Abschieds-Performance in Konstanz als Adrien Lepage – ein Junge mit einer alles durchdringenden Leidenschaft fürs Schlagzeugspielen und einer ebenso durchschlagenden Naivität mit autistischen Zügen. In schlichtem Kostüm (weißes Hemd, graue Jogginghose, weiße Turnschuhe) gibt er einen zurückhaltenden Außenseiter, der aber am Schlagzeug auf die Kacke haut als gäbe es kein Morgen. Nicht falsch verstehen! Das ist nicht einfach nur ‚Krach‘, was Konietz am Schlagzeug macht, das ist Musik – Rhythmen von Samba über Rock und Bossa Nova. Klar dürfen da ein bisschen Metal und ein bisschen Punk auch nicht fehlen, aber das Publikum merkt, dass da ein Profi am Werk ist. Eigentlich ist es sogar mehr als ‚nur Musik‘. Als „goldenes Handwerk“ betitelten „Die Ärzte“ einst ihren Song über das Schlagzeugspielen. Für Adrien ist das Schlagzeugspielen eine Sprache – seine Sprache, in der er denkt, Gefühle ausdrückt und andere wahrnimmt. So verwundert es auch kaum, dass Konietz im Laufe des Abends das Schlagzeug nicht nur spielt. Das Schlagzeug ist in Putz Inszenierung mehr als nur ein Musikinstrument. Es dient als Kulisse, seine Bestandteile werden als Figuren für Szenen aus Adriens jungem Leben verwendet, es wird brutal geschlagen und zärtlich gestreichelt – ja sogar geküsst.

Facettenreichtum

Bei Adriens Familie mit einem alkoholabhängigen Vater, der die Mutter schlägt, wenn er wieder einmal zu lange in der Kneipe war, ist das tragische Schicksal des Jungen vorprogrammiert. Schlechte Noten, keine Freunde und die Hoffnung die einzige Fähigkeit – das Schlagzeugspielen – eines Tages doch zum Beruf machen zu können, begleiten Adrien durch die Jugend. Auf dem Weg merkt er, dass er vielleicht doch mehr als nur Schlagzeugspielen kann und entwickelt sich in seinem nach wie vor begrenzten Universum weiter. Diesen Spagat zwischen Genie und emotionaler sowie faktischer Hilflosigkeit meistert Arlen Konietz mit seinem feinfühligen und gewitzten Spiel. Zum einen gibt er sich als abgeklärter älterer Adrien als hervorragender Erzähler, der das Geschehene nicht nur wiedergibt, sondern auch mit seiner Stimme, seinem Gestus kommentiert. Zum anderen schlüpft er gekonnt während des Stücks in verschiedene Figuren aus Adriens Leben sowie in dessen verletzliches und schlagzeug-versessenes jüngeres Ich. Konietz kann mit seiner Darbietung unter Putz‘ Regie nicht nur seinen schauspielerischen Facettenreichtum unter Beweis stellen, sondern auch sein Talent als Schlagzeuger, das Martin Deufel als Coach gefördert hat. Auch Personen, denen das Schlagzeug bisher nur als ‚irgendwie notwendiger Bestandteil einer Band‘ bekannt ist, kommen an dem Abend garantiert auf ihre Kosten und lernen dabei sogar noch etwas über „Fill-ins“ oder „Ghost notes“. Wie die Bass Drum, Hi-Hats oder Tom Toms ist auch „Ein Leben in Takt“ alles in allem eine runde Sache.

Franziska Spanner (Foto: Daniel Grünauer)


Weitere Vorstellungen: 22.9., 26.9., 27.9. Konstanz im K9; 24. & 25.10. Kreuzlingen im Kult-X.