Ein großes Herz für die Literatur

Am kommenden Sonntag, 28. Juli, feiert der Autor und Verleger Beat Brechbühl seinen 80. Geburtstag. Für sein schriftstellerisches Werk wurde er vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Preis der Schweizerischen Schillerstiftung, dem Bodensee-Literatur­preis, dem Kulturpreis des Kantons Thurgau und dem Buchpreis der Stadt Bern. Eine Würdigung seines Freundes und Kollegen Jochen Kelter.

Ein runder Geburtstag, und was für einer! Einer, der sich sehen lassen kann, weil sich der Jubilar sehen lassen kann. Beat Brechbühl, geboren am 28. Juli 1939 im Kanton Bern, Schriftsetzer, Hersteller, Redaktor, Herstellungsleiter bei Diogenes, Leiter beim Zytglogge Verlag. Drucker, Grafiker, Typograph, Lyriker, Prosaist, Autor von Kinderbüchern, Autor des „Schnüff“ und des „Kneuss“, Verleger seines Waldgut Verlags, Literaturvermittler und und und. Ein Allrounder, beinahe so etwas wie ein aus der Zeit gefallener Renaissance – Mensch.

Bei seiner Rückkehr in den Thurgau saßen wir 1988 in seiner Küche bereits bei der zweiten Flasche Wein, weil Beat darauf bestand, den Pesto für die Pasta selber zuzubereiten. Wir haben dann doch noch gegessen und beinahe die „Frauenfelder Lyriktage“ erfunden. Das geschah dann wenig später: 1991 legten wir mit Hilfe der Kulturstiftung des Kantons los und führten sie ein Jahrzehnt lang alle zwei Jahre mit großem Aufwand und Lyrikern und Poetinnen aus aller Welt durch. Zu jener Zeit waren sie das erste Poesiefestival der Schweiz, entsprechend groß waren Medienecho und Publikumszuspruch.

Ich erinnere mich noch, wie der unterdessen verstorbene Lyriker Izet Sarajlic aus Sarajevo 1995 beim gemeinsamen Mittagessen der Autoren sagte: „Überall auf der Welt ist September, nur in meinem Land ist Krieg“. Wir hatten ihn nach mehreren Anläufen endlich in die Schweiz holen können. Auch der Autor Mircea Dinescu, der eine prominente Rolle beim Sturz Ceaucescus gespielt hatte, war hier und viele andere. Heutzutage gibt es in jedem Kaff ein Literaturfestival. Das gehört inzwischen zum guten Ton, zum Image eines Orts, der etwas auf sich hält und ist ein touristischer Standortvorteil geworden. Ich erinnere mich auch, dass der Saal des „VorStdattheaters“ prall gefüllt war und ich Beat zur Eröffnung aus seinem Büro holen musste, wo er noch an Einführungen feilte. Beat, immer ein Mann der letzten Minute und mitunter der Improvisation.

Beat hat in Bern gelebt und gearbeitet, in Genf und in Zürich. Aber etwa die Hälfte seines Lebens hat er, in zwei Etappen, einer kürzeren und einer längeren im Thurgau verbracht. Und das war und ist ein Segen für unseren Kanton und seine Literaturlandschaft. Ich erinnere mich, dass wir in einer Beiz beim Essen saßen und er, der Berner mit seinen wunderbaren Flüchen, dass em Düfel gruust, laut den Thurgauer Dialekt nachmachte, namentlich einen bekannten Velorennfahrer, wenn ich mich richtig erinnere. Ich sagte, die verstehen Dich sehr gut, und wir fliegen hier raus.

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Vor allem aber erinnere ich mich immer an sein großes Herz. Wie er, der mit weltlichen Reichtümern auch nicht gerade überreich gesegnet war und ist, Izet Sarajlic aus Sarajvo spontan einen teuren Stich mit einer Ansicht der Stadt Frauenfeld kaufte, der ihm gefiel, weil hier kein Krieg war. Frauenfeld, sagte er, ist besser als jedes Belgrad. Und wie er der ganzen Familie für die Heimfahrt per Bus von Zürich über Kroatien, einen ganzen Korb mit allerbesten Eingeklemmten zubereitete.

Ein großes Herz. Das möge der Schweizer Literatur, dem Thurgau und uns allen noch viele Jahre erhalten bleiben. Herzlichen Glückwunsch, lieber Beat. Ad multos annos.

Jochen Kelter (Bild: Waldgut Verlag)