Die Wahrheit liegt auf dem Podium

Wozu eigentlich ins Konzert gehen, wenn man sich auch über einen Knopf im Ohr mit Musik berieseln lassen kann? Karoline Renner, Flötistin der Südwestdeutschen Philharmonie, beschreibt das ganz beson­dere Erlebnis, das im Konzert zwischen Musi­kern und Zuhörern entsteht. Außer­dem berichtet sie über ganz spezielle Herausforderungen ihres Berufes und den Konkurrenzkampf um Stellen. Aber warum ist sie Flötistin geworden – und wann kann der Selbstmord eines Klavieres Menschen gefährlich werden?

Dies ist Teil 2 des Gespräches, Teil 1 finden Sie hier.

seemoz: Sind die CD, Spotify und youtube, also die allgegenwärtige Verfügbarkeit von Musik, die Totengräber des klassischen Konzertbetriebs?

Renner: Gerade wenn man in ein Live-Konzert geht, geht es um dieses schwer in Worte zu fassende Erlebnis, um die Energie, die dahintersteckt, um die Emotionen, die man spürt, und die es beispielsweise auf einer CD nicht gibt. Eine CD muss perfekt sein, dort kann ich aber auch wiederholen und schneiden, und mit der Pitch Control [Tonhöhenregelung] kann ich auch jemanden aufnehmen, der überhaupt nicht singen kann. Ich kann alles korrigieren und so die tollsten CDs machen.

seemoz: Die Anforderungen an ein perfektes Konzert sind also andere als die an eine perfekte CD?

Renner: Natürlich. Wir Orchestermusiker stehen für echte Emotionen, die wir in diesem einen Moment bieten. Das ist unwiederholbar, jedes Konzert ist etwas ganz Besonderes, auch weil das Publikum das Kunstwerk durch sein Zuhören und seine Stimmungen mitgestaltet. Da kann natürlich auch mal etwas schief gehen, denn wenn ich nichts riskiere, bleibt die Küche kalt. Ich bin immer wieder überrascht, dass auch Menschen, die keine Ahnung haben, noch nach Jahren wissen, mit welchen Dirigenten oder Solisten das Orchester besonders gut war.

seemoz: Die MusikerInnen erwarten von sich selbst aber vermutlich jeden Tag wieder Spitzenleistungen?

Renner: Natürlich muss die Leistung immer ein bestimmtes Niveau erreichen. Yehudi Menuhin hat auf die Frage, ob er jeden Tag übe, geantwortet, natürlich übe er täglich, denn wenn er einen Tag nicht übe, merke er’s selbst, wenn er zwei Tage nicht übe, merke es der Dirigent, und wenn er drei Tage nicht übe, dann merke es das Publikum. Das lässt sich sehr gut mit einem Leistungssportler vergleichen, den Sie ja nicht trainieren sehen.

Wir trainieren auch viel ohne Instrument. Es gibt eine Lektüre zur Vorbereitung auf bestimmte Stücke, wir müssen auch Gymnastik treiben, um körperlich fit zu bleiben. Wir sind darauf trainiert, auf den Punkt genau absolute Höchstleistungen zu bringen. Nehmen wir einmal Beethovens Neunte. Dort spiele ich das Piccolo, und das kommt nur im letzten Satz vor. Ich sitze also das ganze Stück über tatenlos im Orchester. Auf ein Zeichen hin muss ich dann absolut perfekt spielen, was aufgrund der exponierten Stimmlage für jeden im Saal genau hörbar ist. Wir werden weder nach Zeit noch der nach der Zahl der gespielten Noten bezahlt, sondern für unsere Fähigkeit, Höchstleistung in der richtigen Sekunde zu bringen. Wie ein Fußballer, der auch nicht acht Stunden rumrennt, sondern in der entscheidenden Sekunde das Tor schießen muss.

seemoz: Die Wahrheit liegt auf dem Platz.

Renner: Bei uns liegt sie auf dem Konzertpodium. Hinzu kommt, dass wir ja seit frühester Kindheit mit dieser Leistungserwartung leben. Ich kenne nur drei Tätigkeiten, bei denen man im Alter von drei oder fünf Jahren anfangen muss, um sie vielleicht später zum Beruf machen zu können. Das sind Musiker, Tänzer und Zirkusartisten. Wenn Sie nicht mit spätestens sieben Jahren auf ihrem Instrument gut sind, haben sie später kaum eine Chance. Es gibt Untersuchungen aus der Musikmedizin, dass nur die Leute eine Chance haben, die vor ihrem 18. Lebensjahr mindestens 10.000 Stunden an ihrem Instrument verbracht haben.

seemoz: Wenn jemand mit fünf Jahren auf seinem Instrument beginnt, muss er also an fast jedem Tag bis zu seinem 18. Lebensjahr zwei bis drei Stunden geübt haben. Aber den Unterricht für ihre Kinder müssen sich die Eltern auch leisten können, da kommt eine erkleckliche Summe zusammen.

Renner: Es muss für eine Profikarriere sehr, sehr viel zusammenpassen, sowohl an Äußerem als auch an Innerem. Es gibt verschiedene Modelle wie Musikgymnasien oder Konservatorien und Jugend musiziert, wo man seine ersten Erfahrungen mit Musik macht und sich früh spezialisiert. Danach geht es auf eine Musikhochschule. Dort sitzt man nicht im Hörsaal mit 50 anderen, sondern hat bei seinem Professor mehrmals pro Woche Einzelunterricht. Außerdem lernt man Musikgeschichte, Tonsatz, Gehörbildung, Improvisation und weitere Schwerpunkte wie Jazz oder Barock und muss auch eine Abschlussarbeit schreiben. Ich habe als begabtes Kind mit zwölf an der Musikhochschule begonnen, dann 1984 mit 18 Jahren Abitur gemacht und von 1984 bis 1992 an der Musikhochschule regulär studiert.

seemoz: Die Musikwissenschaftlerin Grete Wehmeyer sprach von der „Einzelhaft“ am Instrument.

Renner: Das muss aus einem selbst kommen, sonst wird es nichts. Sechs bis acht Jahre sind für ein solches Studium normal, gerade wenn man zusätzlich noch das pädagogische, das Konzertreife- und das Solisten-Diplom ablegt. Das Entscheidende ist aber, dass man bis zu sieben Stunden am Tag am Instrument verbringt, Geiger und Pianisten üben teils noch länger. Als Bläser ist man etwas limitiert, weil das körperlich zu anstrengend ist. Für Musiker gilt: Von nichts kommt nichts, man braucht dieses körperliche Training.

seemoz: Welches Kind entscheidet sich mit fünf Jahren dafür, intensiv auf einem Instrument zu üben? Normale Fünfjährige wollen mit Lego spielen oder andere im Sandkasten mit Dreck bewerfen.

Renner: Manche Kinder haben musizierende Eltern oder Geschwister und kommen an ein Instrument, ohne es zu merken, weil alle anderen im Haushalt auch eins spielen. So war es bei mir. Musikalische Bildung war bei uns zu Hause immer sehr wichtig. Mein Vater spielte Jazz auf Schlagzeug und Posaune, wir haben immer viel Musik gehört, mit Freunden musiziert und waren häufig in der Oper und im Konzert. Ich bin erst vor ein paar Jahren dank YouTube darauf gekommen, warum es unbedingt Flöte sein musste. Meine Lieblingssendung als Kind im Fernsehen war „Die Abenteuer der Cappuccetto“, eine Märchensendung. Sie hat eine tolle Erkennungsmelodie, einen echten Ohrwurm. Dreimal dürfen Sie raten, von welchem Instrument die zweite Hauptmelodie gespielt wurde – von der Querflöte. Ich bin mir sicher, das war der Auslöser.

seemoz: Wie findet man das Instrument, das zu einem passt?

Renner: Es zeigt sich sehr schnell, ob ein Kind Begabung hat und ob es motorisch für ein bestimmtes Instrument geeignet ist. Ist es geschickt genug, das umzusetzen, was in den Noten steht und was es innerlich empfindet? Ich habe einen Kollegen, der sich als Kind ein Funkgerät gewünscht hat, weil er gern Räuber und Polizist spielen wollte. Er durfte sich das Funkgerät aus dem Katalog eines Versandhauses bestellen. Er hat wohl die falsche Bestellnummer in den Bestellschein eingetragen, denn als das Päckchen kam, enthielt es – ein Posthorn! Natürlich war das für ihn eine Katastrophe, aber irgendwie war dieses Posthorn nun mal da, und er hat es halt ausprobiert und auf Anhieb Töne herausgebracht. Das hat ihm Spaß gemacht, und so ist er schließlich Hornist geworden …

seemoz: … und musste dann zur Belohnung eine Flötistin heiraten, nämlich Sie.

Renner: Richtig!

seemoz: Gibt es auch rationalere Methoden, an ein Instrument zu geraten?

Renner: Das von Christoph Wagner gegründete Zürcher „Zentrum für die Musikerhand“ kann heute helfen. Dort werden Hände und Arme vermessen, denn nicht jeder Körperbau ist für jedes Instrument gleich gut geeignet. Auf der anderen Seite haben sich die Unterrichtsmethoden für Kinder in den letzten Jahrzehnten sehr verbessert. Außerdem gibt es heute kindgerechte ergonomische Anpassungen am Instrument. Ich habe neulich in München einen Elfjährigen mit einem Stück erlebt, das ich in der Abschlussprüfung an der Musikhochschule gespielt habe. Er war technisch perfekt.

seemoz: Als Sie mit dem Studium fertig waren, gingen die Bewerbungen los?

Renner: Ich habe ab 18 in Orchestern mitgespielt, zum Beispiel im Gustav-Mahler-Jugendorchester, damals unter Claudio Abbado, das war phänomenal. Oder als Aushilfe bei den von mir heiß geliebten Wiener Symphonikern. Nach dem Studium muss man dann natürlich wie in allen Berufen erst einmal Erfahrungen sammeln, man bekommt Praktikantenjobs, spielt da und dort, zum Beispiel in Festivalorchestern, und lernt die spezifischen Fähigkeiten, die man braucht. Es genügt nicht, sein Instrument gut zu beherrschen, man muss auch auf feinste Intonationsschwankungen einzugehen lernen. Außerdem muss man auf Gesten reflexartig reagieren, sprich, Dirigenten verstehen lernen.

seemoz: Sie haben dann nach ihrem Studium Probespiele absolviert, wie läuft das ab?

Renner: Wenn eine Stelle in einem Orchester frei wird, etwa für eine zweite Flöte, gibt es ca. 250 Bewerbungen. Etwa 25 Bewerber werden eingeladen, dafür ist wesentlich, wer schon in welchem Orchester mitgespielt hat. Das ist die erste Hürde. Alle Vorspiele finden am selben Tag statt, und alle müssen dasselbe Programm vorspielen. Man kommt also hin und spielt sich mit 25 oder 30 anderen Flötisten im selben Raum erst einmal ein. Das ist schon der Wahnsinn. Dann gibt es mehrere Runden, und in jeder Runde fallen Bewerber raus. Die erste Runde ist anonym, zwischen dem Instrumentalisten und der Kommission ist ein Vorhang gespannt, und dahinter spielen alle nacheinander das Gleiche, die Reihenfolge wird vorher ausgelost. Jeder einzelne spielt dann etwa 2-3 Minuten. Wenn man diese Runde geschafft hat, kommt man in die zweite Runde, in der vielleicht noch 5-10 Leute sind, und dann kommt eine dritte und vielleicht noch die vierte Runde, so lange, bis einer übrig bleibt. Bei den höheren Runden wird meistens schon der Vorhang weggenommen. Sie müssen beweisen, dass sie ihr Können auf die Sekunde genau abrufen können, aber das ist ja auch später auf der Bühne so, selbst wenn Sie einen schweren Tag oder eine weite Reise hatten, Sie müssen liefern. Der Gewinner erhält dann einen Vertrag für ein Probejahr. Dann kann man schauen, ob seine Persönlichkeit zum Orchester passt.

Anzeige

seemoz: Wie viele Probespiele haben sie absolviert, bis Sie die feste Stelle hier in Konstanz bekommen haben?

Renner: Fast 50, wenn ich mich recht entsinne. In den 25 Jahren, in denen ich auf dem Markt bin, ist es zum Beispiel für Flötisten unverändert schlimm geblieben. Auf eine Stelle kommen 250-300 Bewerbungen von qualifizierten Musikern, auch auf befristete oder Teilzeitstellen. Bei anderen Instrumenten sieht es nicht viel anders aus.

seemoz: Sie sind mit 29 Jahren im Jahr 1995 hier in Konstanz gelandet und seitdem diesem Orchester treu geblieben.

Renner: Heute hat man natürlich einen Sechser im Lotto gezogen, wenn man überhaupt irgendwo eine feste Stelle bekommt, und gerade deutsche Orchester sind sehr beliebte Arbeitgeber. Wir haben, glaube ich, 24 verschiedene Nationalitäten im Orchester.

seemoz: Ich habe bis heute nicht verstanden, wie es möglich ist, gleichzeitig die Noten zu lesen und den Dirigenten zu sehen. Aber einen guten Dirigenten muss man gar nicht sehen, den spürt man.

Renner: Genau so ist es, die Augen sind der Sinn, der am meisten zu vernachlässigen ist. Musiker trainieren ihre Ohren und den kinästhetischen, also den Körpersinn. Man atmet im Orchester miteinander, man spürt, wie die anderen atmen, man spürt deren Puls, das ist nichts, was sich logisch erklären ließe. Ein guter Dirigent strahlt das einfach aus, wir spüren, wie er dirigiert. Deshalb proben wir auch die ganze Zeit, das geht irgendwann in die Basalganglien über, das Instrument ist irgendwann in meinem Hirn abgebildet. Natürlich gibt es in meinem Hirn nicht wirklich eine Flöte, aber neurologische Untersuchungen haben festgestellt, dass die Gehirne von Musikern und von Nichtmusikern in physiologischer Hinsicht in manchen Bereichen signifikant anders aussehen. Ein guter Neurochirurg kann anhand einer Computertomografie sagen, ob es das Gehirn eines Musikers ist oder nicht.

seemoz: Die Musikmedizin spezialisiert sich, so wie die Sportmedizin, auf spezielle Herausforderungen? Oboisten hatten ja früher spätestens mit 50 einen blauroten Kopf wegen des ständigen Sauerstoffmangels und starben früh an Schlaganfällen.

Renner: Die ersten musikmedizinischen Institute entstanden vor zehn oder 15 Jahren. Man hat sich zuerst einmal auf den Bewegungsapparat konzentriert, denn Musiker sitzen sehr viel und führen teils millionenfach dieselben Bewegungen auf oft sehr unergonomischen Instrumenten aus. Violine, Bratsche und Querflöte werden quer zum Körper und einseitig gehalten. Wenn man das hochrechnet auf die Stunden und die Millionen von Bewegungen, erkennt man sehr schnell, wo in Muskeln und Skelett die ersten Verschleißerscheinungen auftreten werden. Das ist nicht viel anders als bei jemandem, der am Fließband steht und tausendfach dieselbe Bewegung macht.

seemoz: Gibt es bestimmte Krankheiten für bestimmte Instrumente?

Renner: Natürlich. Violine und Viola haben mit Schulter- und Nackenbeschwerden zu kämpfen, ähnlich die Flöte. Wirbelsäule, Bandscheiben, das lange Sitzen, Mundmuskulatur, Kiefer und Lippen sind eine schwierige Geschichte bei allen Blechblasinstrumenten. Dazu kommen Überlastungssymptome wie Sehnenscheidenentzündungen, der Körper unterscheidet ja leider nicht zwischen dem Musizieren oder dem Fliesen einer Terrasse. Ich darf an Tagen, an denen ich abends eine motorisch schwierige Stelle zu spielen habe, keinen schweren Koffer schleppen. Gerade auf Tourneen ist das schwierig. Auch das Essen spielt natürlich eine Rolle. Ein Kollege und ich wollten vor einem Konzert in Zürich noch schnell etwas essen und sind beim Asiaten gelandet. Mein Kollege hat dort in ein Stück Paprika gebissen, das sich schnell als rote Chili erwies – für einen Bläser ein Riesenproblem.

seemoz: Gibt es spezielle Therapien für Berufsmusiker?

Renner: Ich habe mich früher gefragt, warum ich etwas übe und es nicht funktioniert, oder warum ich etwas nicht übe und es funktioniert. Ich bin dann zur Dispokinesis gestoßen, das ist eine Methode speziell für Musiker. Der Begründer war Physiotherapeut und hat eine spezielle Haltung-, Bewegungs- und Aufmerksamkeitsschulung für Musiker entwickelt. Ich bin jetzt seit 15 Jahren dabei und inzwischen in die Arbeitsgruppe Gesundheit der Deutschen Orchestervereinigung berufen worden. Das ist spannend, weil das Thema Gesundheit erst in den letzten zehn Jahren bei den Orchestermusikern angekommen ist.

Wir brauchen ideale Stühle, genug Licht, eine ausreichende Klimatisierung, genug Platz und so weiter, da bleibt noch eine Menge zu tun. Natürlich ist auch der Gehörschutz ein wichtiges Thema, denn spielen Sie mal 40 Jahre lang in einem Orchester, das bis zu 110 Dezibel erzeugt. Es gibt mittlerweile Plastikplatten, die Instrumente akustisch voneinander absondern, aber auch einen individuellen Gehörschutz, der bestimmte Stimmen herausfiltert.

seemoz: Ist Ihr Beruf letztlich ein Kunsthandwerk?

Renner: Ein bisschen, man muss einfach nur gut spielen können. Dagegen ist es völlig egal, ob man auch mal ein Buch liest oder sich anderweitig intellektuell betätigt. Manchmal sitze ich in einer Orchesterversammlung und merke, wie schwer es ist, manchen Kollegen zu vermitteln, worum es geht, und dann denke ich, merkt Ihr denn gar nicht, wie abgehoben Ihr seid, wisst Ihr denn gar nicht, dass auch andere Menschen – und nicht nur Ihr – hart arbeiten müssen?

seemoz: Musikalisches Talent geht also nicht zwingend mit intellektueller und ethischer Exzellenz einher?

Renner: Offensichtlich schert sich Begabung nicht um die Persönlichkeit eines Menschen, das ist bei uns wie in jeder Firma auch. Aber es gibt natürlich auch die, die ganz fantastische Musiker sind und dazu noch ganz tolle Persönlichkeiten, und ich denke manchmal, ich kann den Unterschied auch hören. Bei uns ist das natürlich wichtiger, weil unsere Arbeit hochemotional ist.

seemoz: Wie wirkt sich das aus?

Renner: Was tatsächlich immer harmonisiert, das ist, auch wenn es abgedreht klingt, Mozart. Dann haben wir ganz andere Stücke wie etwa Beethovens neunte Sinfonie, die ist so komplett verrückt und auch so laut komponiert, dass man in einem ganz anderen Erregungszustand ans Werk geht. Oder können Sie Schönbergs Werk „ein Überlebender aus Warschau“ spielen und dabei kalt bleiben?

seemoz: Haben Sie jemals Katastrophen erlebt, etwa dass von Ihrer Flöte die Klappen abgefallen sind?

Renner: Wir hatten mal einen Klavierselbstmord, zum Glück war außer den Orchesterwarten noch niemand im Saal. Plötzlich hat die Bühne nachgegeben, der Flügel ist ins Rollen gekommen und vor der Bühne auf dem Kopf gelandet. Einen Flügel, der die Beine in die Luft streckt, hatte ich noch nie gesehen – aber wenn dort jemand gestanden hätte, wäre er tot gewesen. Die Orchesterwarte waren todesbleich, ein solcher Flügel wiegt ja eine halbe Tonne. Sie haben diesen Flügel dann wieder auf die Beine gestellt, und siehe da, man konnte an dem Abend noch darauf spielen. Aber danach ging es mit seiner Intonation natürlich steil bergab.

seemoz: Wo drückt das Orchester denn derzeit der Schuh am meisten?

Renner: Wir haben einfach zu wenig Übungsräume in der Philharmonie. Viele Kollegen können nicht zu Hause üben, weil ihr Instrument zu sperrig für einen täglichen Transport ist oder ihre Kinder in Ruhe Hausaufgaben machen müssen. Das untere Stockwerk in der Philharmonie wird jetzt von der Verwaltung als Fraktionsbüros vergeben, aber wir hätten diese Räume dringend als Übungsräume benötigt. Darum hat sich der damalige Intendant Fehlmann vergeblich bemüht.

Raum ist überhaupt ein Riesenthema für uns. Das Instrument eines Orchesters ist der Raum. Man kann sich ein Orchester als ein einziges großes Instrument vorstellen, das nur im Raum gut klingt, darum gibt es ja weltbekannte Konzerthallen wie die Carnegie Hall in New York oder den Musikvereinssaal in Wien. Das sind Räume, die für eine bestimmte Akustik stehen. Ein eigenes Konzerthaus ist unser größte Wunsch, aber ich glaube nicht, dass ich das noch erleben werde.

seemoz: Nach der Katastrophe mit dem Bofo ist die Neigung, sich noch einmal auf ein derartiges Abenteuer einzulassen, derzeit null. Nach meiner Meinung ließe sich das Bofo auch nicht zu einem Konzertsaal umbauen, weil es akustisch ungeeignet ist.

Renner: Das Bofo ist ein akustischer Albtraum! Eigentlich steht der Bevölkerung aber ein schönes, akustisch richtig gutes Konzerthaus zu, genauso wie ein Schwimmbad, eine Kindertagesstätte oder ein Fußballplatz. Da geht es darum, dass man seine Ohren aufmachen und im Klang baden kann. Ich verstehe nicht, wie eine Stadt ihrer Bevölkerung die Befriedigung eines derartigen Grundbedürfnisses vorenthalten kann. Ich denke, irgendwann muss die Politik dazu stehen, selbst wenn die Konstanzer damals gegen das Konzerthaus auf Klein Venedig gestimmt haben. Da darf die Politik auch gern mal weiter sein als viele Leute, die gar nicht wissen, wie sich ein wirklich guter Konzertsaal anhört.

Das Gespräch führte Harald Borges, Fotos: Timothy Hale bzw. Privatbesitz.