Die hohe Kunst der Empathie

Na, würden Sie sagen, dass Sie sich in andere hineinversetzen oder gar Mitleid verspüren können? Dieser Frage versucht aktuell die Inszenierung Philip Stemanns von „Ich verschwinde“ aus der Feder des norwegischen Autors Arne Lygre auf der Werkstattbühne nachzugehen beziehungsweise jedem Einzelnen bei der Beantwortung zu helfen. Die Tatsache, dass das im Jahr 2011 uraufgeführte Werk bereits mit dem norwegischen Ibsenpreis ausgezeichnet wurde, lässt Großartiges erhoffen – ganz so spektakulär scheint es letztendlich doch nicht. Aber von vorne …

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„Es fängt an“

… wird der erste Akt in Leuchtlettern an die Bühnenwand gebeamt angekündigt. Die Bühne selbst erscheint irgendwie heimelig. Jochen Diederichs (Ausstattung) hat ein Halbrund aus Spiegeln aufgebaut, darin mit etwas Abstand zueinander weitere Spiegelwände, die zunächst mit weißen Tüchern verhangen sind. Gut durchdacht, die Bühne als Innenwelt der Hauptfigur Ich (Jana Alexia Rödiger) darzustellen. Ich tritt durch die Spiegel nach vorne und erzählt, was es gerade tut, ohne dies zu tun. Hierin liegt laut Programmheft die Herausforderung: Das Vorstellungsvermögen des Publikums sei gefordert, sich in die beschriebenen Personen und Situationen hineinzuversetzen. Zunächst gelingt dies einigermaßen. Jana Alexia Rödinger strahlt eine ruhige Wärme aus und zeigt als Ich große Bemühungen, die Lebenslagen anderer zu verstehen. Auch Stephanie Brenner weiß es mit ihrer einnehmenden, bisweilen exaltierten Art als Meine Freundin die Zuschauer in ihren Bann zu ziehen.

Es geht weiter

Mit verstreichender Zeit – zu Beginn jedes neuen Aktes hört man das Ticken einer Uhr – wird jedoch zunehmend der Eindruck erweckt, dass Autor Arne Lygre mit seinem Stück auf eine eher zwanghafte Art versucht hat, sämtliche Probleme unserer Zeit zu thematisieren ohne wirklich darauf einzugehen. Ich sinniert über verpasste Möglichkeiten im Leben, (Zukunfts-)Ängste, soziale Abhängigkeiten und Krankheit. Verschiedene Erzählebenen verschwimmen miteinander – die Darstellerinnen schlüpfen gekonnt in unterschiedliche Rollen. Eigentlich ist Ich zusammen mit Meiner Freundin und der Tochter meiner Freundin (Antonia Lena Jungwirth) auf der Flucht vor einer drohenden Katastrophe, imaginiert zusammen mit ihren Weggefährtinnen jedoch immer wieder andere Szenarios, die schließlich dazu führen das eigene Leid doch nicht so schlimm einzuschätzen. Mantra-artig werden Phrasen wie „Es geht mir gut“ und „wir leben noch“ wiederholt. Stets schwingt ein leiser Zweifel im Tonfall mit.

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Die Anderen erkennen oder sich selbst?

Inwiefern hier das Einfühlungsvermögen der Figuren nicht einfach nur Mittel zum Selbstbetrug ist, wird offen gelassen. Ausdrücke der Zufriedenheit oder des Glücks äußern die Figuren jedenfalls immer nur dann, wenn sie gerade festgestellt haben, dass es anderen schlechter geht. Hier zeigt das Stück eine starke soziale Komponente, wenn auch nicht unbedingt im positiven Sinne. Der eigene (Gefühls-)Zustand wird relativ zu dem der Anderen beurteilt. Das Ich verschwindet buchstäblich, denn es traut seinen eigenen Wahrnehmungen nicht. Es benötigt den sozialen Referenzrahmen. Im Angesicht der drohenden Katastrophe betonen die Figuren: „Wir halten zusammen“. Doch es klingt nicht überzeugend und entspricht auch nicht dem tatsächlichen Handeln. Das Hineinversetzen in die Situation Anderer wird so mehr und mehr zum Mittel der Selbsterkenntnis. Dramatisch wird dieser Effekt durch die Enthüllung weiterer Spiegel auf der Bühne verstärkt. Einem halbwegs empathischen Publikum vermag diese Art des Mitgefühls jedoch nicht zu gefallen. Ich jedenfalls hätte mehr erwartet.

F. Spanner (Foto: Theater Konstanz)


Weitere Aufführungen, jeweils ab 20 Uhr in der Werkstattbühne: 14.5., 18.5., 28.5., 29.5., 5.6., und 8.6.