Der Tod im Paradies

„Am Wasser“ heißt das Auftragswerk von Annalena Küspert, das Nicola Bremer gerade in der Spiegelhalle inszeniert. Thema ist die Rüstungsproduktion am beschaulichen Bodensee, die in anderen Teilen der Welt Grausamkeit und Mord befeuert – sprich­wörtlich ein Sujet mit Sprengstoff wie schon die Vorbereitungen zeigten. Unsere Bericht­erstatterin hat das Stück kritisch unter die Lupe genommen und dabei Stärken und Schwächen entdeckt.

Auch seemoz berichtete über die Absage des Vorstands der Überlinger Narrenzunft an das Theater, ein traditionelles Fasnachtskostüm zu verleihen. Begründung war die Mitgliedschaft vieler Mitarbeiter von Diehl Defence (einschließlich des Vorstands selbst, wie sich im Nachhinein herausstellte), dem großen Überlinger Rüstungsunternehmen, im Narrenverein. Man wolle es sich mit den Mitgliedern und deren Geld nicht verscherzen. Der Insta-Star Saliha (Sara Siri Lee König), die Hauptfigur in Küsperts Stück, will es sich anfangs auch mit niemandem verscherzen. Sie hat gerade ihr Abi gemacht und möchte mit ihrem Freund Jan (Peter Posniak) und dem alten Rucksack seines Vaters (Ralf Beckord), den sie „meeegaaaa!“ findet, als „Travel-Influencer“ nach Australien reisen. Dass das Geld, das sie von Jans Vater für die Reise bekommen, aus dessen Rüstungsfirma stammt, wird ihr erst sukzessive klar.

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Schwarzes Wasser

Das Stück beginnt mit einer starken Metapher: Das Wasser des Bodensees ist plötzlich schwarz. Gelungen ist hier die Einbindung von kurzen Videos auf dem großen Bildschirm an der dunkelgrauen Rückwand der Bühne. Als überengagierte Volontärin von Regional TV macht Friederike Drews eine gute Figur beim Interview eines ‚besorgten‘ Schwimmers (ebenfalls Ralf Beckord). Teilweise werden auch Live-Videos, die Saliha mit ihrem Glitzer-Handy dreht, groß im Hintergrund gezeigt. Einmal kommt es hier zu einer technischen Panne mit Standbild – ansonsten sind die Videoschnipsel ein auflockernder dramaturgischer Kniff aus dem Selfie-Zeitalter. Beispielsweise teilt Saliha in einem Video ihren Followern mit, dass sie in dem schwarzen Wasser baden und im Anschluss berichten wird, wie es war. „Von der Firma vom Vater von meinem Freund“ hat sie ein Mittel namens „Skin-Defence“ erhalten, ein billiger Marketing-Gag, um über das eigentliche Problem hinwegzutäuschen, das sie ihrem Publikum präsentiert.

Sara Siri Lee König ist die ideale Besetzung für Saliha. Sie hat den #YOLO-Sprech ebenso drauf wie das quirlig-naive Influencerinnen-Auftreten. Peter Posniak verleiht dem jugendlichen Spiel eine ungewollt satirische Note – man hat das Gefühl, er kann die Rolle des Jan, der lieber über den Australien-Trip redet anstatt sich mit dem schwarzen Wasser alias den Kriegswaffen vor seiner Nase auseinanderzusetzen, selbst nicht ganz ernst nehmen. Seiner Darbietung tut dies aber keinen Abbruch. Bedauerlich ist, dass der schwarzgefärbte See in den letzten beiden Dritteln des Stücks bis zur Schlussszene nicht mehr auftaucht, obschon diese Bedrohung beziehungsweise dem Zusammenhang des Phänomens mit der Rüstungsindustrie wesentlich mehr Raum verdient hätte. Im Ergebnis hängt das Titelthema deswegen in der Luft und verkommt zu einer Art schlechtem Aufhänger.

Charaktere oder warum seid ihr eigentlich da?

Schließlich bekommt auch die Oberbürgermeisterin (ebenso Friederike Drews), die gerade an ihrer Wiederwahl arbeitet, von dem Vorkommnis zu hören und versucht natürlich ihr Bestes, einen möglichen Öko-Skandal abzuwehren („Ich kann hier keinen zweiten Hambacher Forst gebrauchen“). In dieser Rolle genauso wie als Marketingfachfrau Maik ist Friederike Drews nur wenig überzeugend. Die Arroganz beider Figuren wirkt unnatürlich und aufgesetzt. Es fehlt der Darstellerin an der nötigen Autorität, die beiden Figuren innewohnen sollte. Thomas Eckes Ulrich Schmitt von der Stadt hingegen, der sich von der Oberbürgermeisterin allerlei Schikanen gefallen lassen muss, gleicht dem Verwaltungsbeamten wie er im Buche steht – Bleistiftspitzmaschine (Ausstattung: Steffi Rehberg) inklusive. Jedoch leistet der Charakter für sich genommen keinen notwendigen Beitrag zur Handlung. Vielmehr erscheint er wie eine leere Anspielstation der Bürgermeisterin. Den Bezug des schwarzen Sees zur Rüstungsindustrie stellt Gerti (Jana Alexia Rödiger) her, eine betagte Kriegsgegnerin und Großmutter von Saliha. Sie macht den Eindruck einer ‚Smartphone-Oma‘ und wird beim Anblick des Sees an den Krieg erinnert „als es Asche geregnet hat“ und „Gerippe gen Himmel standen“.

Jana Alexia Rödigers Spiel ist dabei, bis auf die irritierend motivierte Verkörperung der Protestmüdigkeit einer um die 90-Jährigen, tadellos, doch die Figur selbst wurde erstens im Stück schwach konzipiert und zweitens viel zu jung besetzt. Ersteres wird ein Problem, wenn man das Stück als Lehrstück begreift, das insbesondere dem jugendlichen Publikum Kritik an der Rüstungsindustrie nahebringen möchte – eine Großmutter, die hochemotional von einem lange vergangenen Krieg erzählt und ‚lästige‘ Briefe an die Rüstungsfirma schreibt, ist da vielleicht nicht besonders überzeugend. Im Gegenteil: Hier wird rational begründete Kritik emotionalisiert und verliert an Glaubwürdigkeit, ohne dabei für eine junge Generation, die keine eigenen Erfahrungen mit Mord und Totschlag hat, erfahrbar zu werden. Letzteres kann weder der Darstellerin noch der Regie vorgeworfen werden, sondern weist wohl eher auf ein strukturelles Problem hin: Am Theater Konstanz gibt es keine Schauspielerin, die ihrem Alter entsprechend nur annähernd eine 90-Jährige verkörpern könnte. Die bekannte Benachteiligung älterer Schauspielerinnen?1

Zu viel gewollt

Wie auch schon „Der Reichsbürger“ beschäftigt sich „Am Wasser“ mit einem brandaktuellen Thema, das, wie es auch im Stück gezeigt wird, lange nicht alle auf dem Schirm haben (wollen). Das Stück soll viele verschiedene Blickwinkel auf das Thema aufzeigen und zugleich sachlich-informativ sein. Die Informationen sollen sich dann auch noch an eine jüngere Zielgruppe richten. Zugegeben, das ist ein schwieriges Unterfangen, das sich Küspert und Bremer da vorgenommen haben. Da verwundert es nicht, wenn der Text von Jans Vater aus den Broschüren und der Webseite von Diehl Defence zusammengeschrieben zu sein scheint. Dass die Argumente von zivilem Gebrauch, Arbeitsplätzen und Wohlstand, Dual-use-Gütern und Verteidigung so durchsichtig rüberkommen wie sie sind, ist nicht weiter fatal. Die Argumente für den Frieden und gegen Rüstung bleiben jedoch auch auf diesem Niveau – kein Wort von ziviler Umnutzung und Rüstungskonversion. Vernunftbasierte Argumente ersetzt das Stück vielmehr durch das diffuse Gefühl der älteren Generation.

Zahlreiche Studierende der regionalen Hochschulen machen Praktika bei Rüstungsfirmen. Es lockt ein gutes Gehalt, Nähe zur Familie, eine schöne Umgebung und Silicon Valley-Feeling. Was spricht also dagegen? Wie kann ich meine Freundinnen und Freunde davon überzeugen, sich eine andere Praktikumsstelle oder einen anderen Arbeitgeber zu suchen? Dieser Schritt wird in der Inszenierung einfach übersprungen. Es geht alles ein bisschen schnell. Unbenommen: Die rollbaren Möbelkonstruktionen von Steffi Rehberg verleihen dem Stück eine wohltuende Dynamik, doch die Handlung springt vom Problemaufriss zum (unmittelbaren) Widerstand. Der Schritt von Überzeugungsarbeit hin zur Mobilisierung fehlt nahezu vollständig. Dafür eskaliert der Schluss übermäßig – was wie ein pittoreskes Demonstrationsstereotyp eines Nicht-Aktivisten wirkt. Schön wäre es, wenn gegen Rüstungsindustrie und für den Schutz der Mitmenschen genauso viele junge Menschen auf die Straße gingen wie für den Klimaschutz. Bislang ist dies allerdings nicht der Fall – und dieses Stück hat nicht das Zeug dazu, einen wesentlichen Beitrag zur Sensibilisierung zu leisten.

F. Spanner (Bild: Ilja Mess)