Der Schriftsteller, das Chamäleon und das Berufsverbot (II)

Jochen Kelter, im nahen Ermatingen lebender deutschstämmiger, aber längst mit ganzem Herzen eingeschweizerter Schriftsteller, zieht eine Zwischenbilanz seines Lebenspfades. Heute geht es um das Handwerk eines Schriftstellers, seinen Broterwerb und die Rolle von Lektoren und Verlegern. Außerdem stellen wir die Gretchenfrage, wie sich der Buchmarkt in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Die Antwort überlesen Sie besser, wenn Sie diesen Tag eigentlich ohne Depression überstehen wollten.

seemoz: Wikipedia verzeichnet unter 33 Büchern von Dir rund 15 Gedichtbände. Siehst Du Dich vor allem als Lyriker?

Kelter (lächelnd): Nach der Zahl der Bücher zu urteilen, bin ich offenbar vor allem Lyriker.

seemoz: Du hast gerade ein neues Buch veröffentlicht, den Gedichtband „Fremd bin ich eingezogen“.[1] Worum geht es darin – Deiner Meinung nach? Du als Autor bist ja auch nur ein Leser unter Deinen zahlreichen LeserInnen, allerdings ein besonders kritischer, vermute ich mal.

Kelter: Wie so oft in meinen Gedichtbänden geht es auch in dem neuen Band „Fremd bin ich eingezogen“, der Titel ist übrigens ein Zitat aus Schuberts „Winterreise“ auf Texte von Wilhelm Müller, um eine Mischung aus persönlicher Befindlichkeit und von mir so wahrgenommenen historisch-gesellschaftlichen Zuständen.

seemoz: Du hast auch schon Essays und Romane geschrieben. Unterscheidet sich das Gefühl beim Schreiben von Prosa und Lyrik? Oder was macht für Dich den Unterschied aus?

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Kelter: Viele Laien oder junge Autoren versuchen sich an Lyrik, weil ihnen das weniger Arbeit zu sein scheint als ein Prosatext. Dementsprechend schlimm sind die meisten dieser Gedichte denn auch. Der Unterschied zwischen einem Roman und Gedichten besteht vielleicht darin, dass man für einen Roman einen langen Atem braucht, es geht ja um eine Handlung, die in die Zeit ausgreift und viele Buchseiten, einfach viel Platz beansprucht.

seemoz: Gibt es Themen, die Du nur in Prosa behandeln kannst und andere, aus denen Lyrik wird?

Kelter: Das hängt mit dem zusammen, was ich gerade gesagt habe. Ein Wort, ein kurzer Eindruck, ein Gefühl, ein Bild kann zum Ausgangspunkt eines Gedichts werden. Im Gedicht geht es immer um Sprache, um Persönliches und nie Privates. Das Private macht es ja aus, dass man sich bei schlechten Gedichten häufig als Voyeur vorkommt. Ein historisches Thema, eine Lebensgeschichte oder ähnliches benötigen hingegen eine Prosa mit längerem Atem, in der es vielleicht weniger um das einzelne Wort geht, auch wenn der Stil, die Tiefe auch in der Prosa eine wichtige Rolle spielt.

seemoz: Kannst Du eine Entwicklungslinie in Deinen Büchern erkennen? Immerhin publizierst Du seit den siebziger Jahren. Wie haben sich Deine inhaltlichen Schwerpunkte verschoben, wie hat sich Deine Sprache verändert?

Kelter: Meine Sprache ist hoffentlich präziser, genauer geworden, vielleicht auch weniger naiv. Aber das können Außenstehende wohl besser beurteilen als ich selbst.

seemoz: Was ist Dir das liebste Deiner eigenen Bücher?

Kelter: Immer das, an dem ich gerade arbeite. Ich schreibe gerade wieder an einem längeren Prosatext. Mein neues Buch, vermutlich am Ende ein Roman, verläuft entlang meiner Lebensgeschichte. Im Moment komme ich gerade in Paris an.

seemoz: Wie hast Du denn überhaupt zu schreiben begonnen? Hast Du als 14-Jähriger, erschüttert von deiner ersten Jugendliebe, angefangen, Herz auf Schmerz zu reimen?

Kelter: Ich habe natürlich schon als Schüler angefangen zu schreiben. Meine erste Veröffentlichung war in einem Band mit Primaner-Lyrik.[2] Damals war ich noch auf dem Gymnasium. Danach hat sich das etwas verloren, da habe ich eher Flugblätter geschrieben. Es hat dann erst mit Ende 20 wieder angefangen.

seemoz: Wie bist Du an Deinen ersten Verlag gekommen?

Kelter: Lange nach dem Pennälertum ist 1978 mein erster Gedichtband in Zürich herausgekommen, und zwar in einem kleinen Verlag, in dem ich Leute kannte. Später war ich beim Ammann Verlag, aus dem ja richtig etwas geworden ist. Dort habe ich mehrere Bücher veröffentlicht, Erzählungen und Gedichte. Aber Egon Ammann war, wie viele Verleger, ein schwieriger Mensch.

Danach wurde ich vom Zytglogge Verlag in Bern verlegt und später von einem Verlag in Deutschland. Mein letzter deutscher Verlag war weissbooks.w, gemacht von zwei Menschen, die vorher bei Suhrkamp beschäftigt waren, sich aber 2008 selbständig gemacht haben. Einer von zwei guten Lektoren die ich in meinem Leben gehabt habe, war Rainer Weiss, der andere gute Lektor, den ich hatte, war der von Zytglogge.

seemoz: Welche Bedeutung hat ein Lektor für einen Lyriker?

Kelter: Es gibt praktisch keine Lektoren, die gut Gedichte lesen können, bis auf Ausnahmen. Zum Beispiel fiel dem Lektor von Zytglogge auf, dass ich in acht Gedichten fünfmal das Wort „blau“ verwendet hatte, und er fragte mich, ob ich das ernsthaft so haben, oder ob ich die Gedichte nicht noch einmal überarbeiten wolle. Rainer Weiss war so ähnlich, er hat nicht viel moniert, aber was er moniert hat, hatte Hand und Fuß. Wenn er sagte, dass man eine Zeile aus einem Gedicht weglassen kann, dann stimmte das meistens auch. Ich bin aber auch schon von Verlagen veröffentlicht worden, die überhaupt kein Lektorat hatten. Das Ergebnis war, dass mich ein Leser darauf aufmerksam gemacht hat, dass ich in einem Roman für die Rückreise von Italien an den Bodensee eine falsche Bahnstrecke gewählt habe, und das ist mir hochnotpeinlich.

Forum Mare Nostrum des European Writers’ Congress (EWC), Delphi 1999; links neben Kelter (mit Arm über der Schulter) Veno Taufer, Präsident des slowenischen Schriftstellerverbands, rechts neben Kelter Marcella Dallatorre, Übersetzerin, Sindacato Nazionale Scrittori aus Italien.

seemoz: Wie hat sich denn der Buchmarkt für Deine Werke seit Deinen Anfangstagen verändert?

Kelter: Bei Lyrik gibt es einen deutlichen Rückgang, zumal es auch immer weniger Rezensionen in Zeitungen und Zeitschriften gibt. Das Klima für Literatur ist eindeutig viel schlechter geworden. André Schiffrin hat das in seinem Buch „Verlage ohne Verleger“ hervorragend analysiert, wie Zeitungsverlage Buchverlage aufgekauft und ruiniert haben. Bekannt ist ja der Fall der FAZ, die Manesse gegen die Wand gefahren hat. So nach dem Motto: Wir verkaufen Flugzeuge, warum soll das mit Büchern denn nicht funktionieren?

Die Umgangsformen werden rauer, die Behandlung der Autoren wird schlechter, die Honorare sinken. Außerdem haben viele Verlage sich das Geschäft auch selbst kaputt gemacht durch die riesigen Rabatte, die sie großen Buchhandelsketten wie Thalia oder ähnlichen einräumen, die kriegen ja bis zu 50 Prozent auf den Preis jedes verkauften Buches. Das kann nicht funktionieren! Und Buchhandlungen wie die Schwarze Geiß oder Homburger, die noch wirkliche Buchhandlungen sind, mit geschultem und engagiertem Personal, die bekommen höchstens 30%. Das ist eine Schweinerei, mit der sich die Verlage selbst schaden, etwa durch die Absenkung der Qualität.

seemoz: Welche Leute haben damals Deine ersten Bücher gekauft und welche kaufen sie heute? Hat sich Dein Publikum geändert? Wer besucht deine Lesungen?

Kelter: Eigentlich hat sich nichts geändert. Es war schon immer so, dass zu Lesungen nur sehr selten 20-Jährige kamen. Bei uns ins Bodmanhaus in Gottlieben verirren sich kaum Studenten von der Uni. Das Publikum ist meist mittelalt bis Pensionsalter und zum überwiegenden Teil weiblich.

seemoz: Also wie im sonstigen Kulturbetrieb.

Kelter: Gleichzeitig hat sich allerdings in den letzten Jahrzehnten das Angebot ungeheuer vermehrt. Du bekommst heute ja jede Schnapsidee als Buch, mit Musik, mit Sketchen, mit Talks und anderem Mist. Es geht dabei um alles Mögliche, nur nicht um Literatur, Fun ist alles.

seemoz: Konnte man früher mit Deiner Literatur tatsächlich Geld verdienen? Wurde etwa ein Buch von Dir bei Ammann mehrere 1000 mal verkauft?

Kelter: Ja. Die Auflagen waren damals deutlich höher, und heute geht das Literaturgeschäft den Bach runter. Doch damit folgt es einem gesellschaftlichen Trend, Verblödung und Unterhaltung sind angesagt, und das nicht nur im Bereich der Literatur, sondern in der gesamten Gesellschaft. Die Honorare sind in Deutschland inzwischen schlimm, aber in der Schweiz geht es noch halbwegs, weil wir dort immer gewisse Grundsätze verteidigt haben. Ich habe zum Beispiel damals mit dem Verlegerverband für die Schweiz einen Mustervertrag ausgehandelt. Um den Normvertrag in Deutschland mit seinen festen Prozentsätzen kümmert sich dagegen heute kaum jemand mehr.

seemoz: Oder man kennzeichnet ein Buch, dass sich nicht gut verkauft, mit einem Strich im Schnitt als Mängelexemplar, wobei der einzige Mangel dieses Buches in genau diesem Strich besteht.

Kelter: Im Laden einer Buchkette sagte mir eine Verkäuferin: Bei uns kommt kein Buch ins Regal, dass nicht mindestens drei Besprechungen in der Zeitung gehabt hat. Da es ja kaum noch Besprechungen in der Zeitung gibt, kannst Du Dir vorstellen, was da rumlag: Das Zeug, das sich auch ohne Besprechungen verkauft, und dann noch ein paar andere, und das ist das, was uns als Literatur verkauft wird, eigentlich aber Unterhaltungsliteratur ist, so etwas wie Julie Zeh oder Daniel Kehlmann, über den ein Kritiker mal schrieb, seine Bücher läsen sich wie von selbst. Um die Literatur ist es nicht gut bestellt. Aber ich bin leider mittlerweile zu alt, um noch das Geschäft zu wechseln.

seemoz: Wird also die „echte“ Literatur mit unserer Generation aussterben?

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Kelter: Ich glaube, dass die Literatur weiterleben wird, aber in einer wesentlich kleineren Nische und nicht mehr wie nach dem Krieg und bis in die Sechzigerjahre hinein als mehrheitsfähiges Angebot. Damals musste man einfach wissen, wer Sartre war oder Camus, sonst war man blamiert.

seemoz: In Deutschland kannte man damals natürlich Grass und Böll, die ja nicht nur als Autoren, sondern auch als Personen öffentliche Erscheinungen waren. Kann die nachlassende Bedeutung von Literatur auch daran liegen, dass sich die Literaten, verglichen mit den Nachkriegsjahren, aus der Öffentlichkeit zurückgezogen zu haben scheinen?

Kelter: Solche Gestalten gibt es nicht mehr, aber wenn es sie gibt, kommen sie auch nicht zu Wort, sodass sie gar nicht zu öffentlichen Gestalten werden können. Das ist dieser Mainstream-Konsens. Sag bloß nichts, das zu abweichend, zu radikal oder sonst wie aus dem Rahmen gefallen ist. „Literarische Literatur“ ist ein Begriff, der schon in den neunziger Jahren aufgekommen ist. Damals haben die Verlage ihre Lektoren angewiesen, Nebensätze zweiter Ordnung wegzustreichen, um die Texte leichter lesbar zu machen. Dabei kommt dann das heraus, was man uns heute als deutschsprachige angebliche Literatur vorsetzt.

Das Gespräch mit Jochen Kelter führte Harald Borges, Bilder: Privatbesitz.


Jochen Kelter liest

– Mittwoch, 21. Oktober, um 20.00 Uhr in der Buchhandlung Homburger & Hepp, Münsterplatz 7, in Konstanz, Eintritt frei. Eine Voranmeldung persönlich oder unter Tel. +49-7531-90810 ist erforderlich.
– Freitag, 23. Oktober, um 19.00 Uhr im Kunstmuseum Singen, Ekkehardstraße 10, Singen, Eintritt frei. Für die Teilnahme bedarf es einer Anmeldung unter +49 (0)7731 85-269 oder per E-Mail hier.


Anmerkungen

[1] Jochen Kelter, Fremd bin ich eingezogen. Gedichte, Caracol Verlag, Warth, 2020, 20,- CHF/Euro, ISBN 978-3-907296-02-8.

[2] Primanerlyrik, Primanerprosa. Eine Anthologie. Herausgegeben von Armin Schmid. Mit einem Vorwort von Peter Rühmkorf, Rowohlt, Reinbek 1965, darin: Jochen Kelter, Schaukelpferd und Kreisel, S. 163.


Die anderen Teile dieses Gesprächs

06.10.20 | Teil I
08.10.20 | Teil III
09.10.20 | Teil IV