Der Schriftsteller, das Chamäleon und das Berufsverbot (I)

Jochen Kelter, im nahen Ermatingen lebender deutschstämmiger, aber längst mit ganzem Herzen eingeschweizerter Schriftsteller, zieht eine Zwischenbilanz seines Lebenspfades. Ein Geplauder über Konstanz, wie es sich niemals sehen wollte, das Bespitzeltwerden beiderseits der Grenze sowie darüber, wie es sich mit einem Berufsverbot doch noch ganz auskömmlich leben lässt. War da nicht noch was? Doch! Um Literatur geht es – quasi ganz nebenbei – in den nächsten Tagen natürlich auch noch.

Kelter: Was willst Du eigentlich von mir?

seemoz: Dass Du nachher die Erfrischungsgetränke zahlst. Außerdem will ich etwas von Dir wissen: Was das eigentlich für eine exotische Existenz ist, ein Berufsschriftsteller. Ich will den Menschen und den Künstler hinter der Autorenmaske zeigen.

Kelter: Kein Wunder, dass es mit der Presse derart bergab geht.

seemoz: Erinnerst Du Dich noch, wie Du nach Konstanz kamst? Saßen die Menschen hier noch auf den Bäumen, während die frisch gegründete Universität damals im Insel-Hotel residierte und die intellektuelle Finsternis am See mit dem Sonnenstrahl der wissenschaftlichen Erkenntnis zu erhellen begann?

Kelter: Der Sonnenstrahl der Literaturwissenschaften war schon immer eher eine blakende Funzel … Mit einer Matrikelnummer um die 170 war ich jedenfalls 1968 einer der ersten Studenten in Konstanz. Ich hatte vorher in Südfrankreich studiert, wollte dort aber nicht abschließen, weil ich – kein Witz! – als Deutscher natürlich keinen Nachweis hatte, dass ich mein Deutsch an einer französischen Uni gelernt hatte, und ein solcher Nachweis war zwingend erforderlich.

Ich habe mich wegen des Romanisten Robert Jauß für Konstanz entschieden, hier aber erst mal schlechte Erfahrungen gemacht. Ich hatte nämlich ein Zimmer in einem Wirtshaus in Staad, und die Wirtsleute haben mich jesusmäßig beschissen und, während ich im Sommer weg war, das Zimmer weitervermietet und doppelt kassiert. Ich bin dann aber bald einmal mit Leuten, die ich von der Uni her flüchtig kannte, in die Schweiz gezogen. Ich wollte eigentlich als Literaturwissenschaftler an der Uni bleiben, aber zum Glück kam mir 1974 das Berufsverbot dazwischen.

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seemoz: Zum Glück?

Kelter: Die Literaturwissenschaft, die wir an der Uni Konstanz betrieben haben, war zum Vergessen, Literaturverwaltung, die neue Rezeptionsästhetik, eine eher spekulative soziologische Literaturwissenschaft mit sehr viel Sekundärliteratur, die Dir auch noch den letzten Spaß an der Literatur austreibt.

seemoz: Wofür hast Du damals Berufsverbot gekriegt?

Kelter: Für nichts, was verboten gewesen wäre. Ich war Mitglied im SDS, Mitglied eines SDS-SHB-AStA,[2] Mitglied im Vietnam-Komitee und im Chile-Komitee, habe bei Lehrlings- und Schülergruppen mitgemacht. Nichts, was verboten war. Mehr hatte ich nicht auf dem Kerbholz. Wir waren damals zu dritt und haben uns einen CDU-Anwalt aus Singen genommen. Aber auch der hat es nicht geschafft, diese Sache jemals vor Gericht zu bringen. Das Kultusministerium hat das Berufsverbot jeder Beurteilung durch ein Gericht entzogen, die Exekutive hat die Judikative schlicht ausgehebelt.

seemoz: Hast Du Hilfe von der Gewerkschaft bekommen?

Kelter: Ich war damals Mitglied der ÖTV und wollte Rechtsschutz. Darauf hieß es seitens der Gewerkschaft: Beweis‘ uns erst mal, dass Du auf dem Boden der Verfassung, der berüchtigten FDGO,[3] stehst, sonst wirst Du auch noch aus der Gewerkschaft ausgeschlossen. Das waren damals die deutschen Gewerkschaften, und so sind sie noch heute. 1977 wurde mein Berufsverbot wieder aufgehoben, aber da war ich längst weg. Da kam einfach ein Brief vom Ministerium, und das war’s. Sie hatten ihr Ziel erreicht.

Für mich war es das damals mit Deutschland, ich wohnte schon ein paar Jahre in der Schweiz und wollte nie wieder heim ins Reich, und dabei ist’s bis heute geblieben. Meine Mutter war unter den Nazis in England im Exil, und jetzt kriegte ich auch noch Berufsverbot. Das langte mir endgültig.

seemoz: War Deine Mutter politisch aktiv?

Kelter: Nein, aber mein Großvater war Beamter und brauchte einen Ariernachweis, und bei dieser Gelegenheit fand sich irgendjemand im Stammbaum, der jüdisch war. Also hat mein Großvater seine Tochter sicherheitshalber frühzeitig nach England geschickt. Nach dem Zweiten Weltkrieg war das sein Glück, denn es gab kaum jemanden im Staatsdienst, der nicht nationalsozialistisch belastet war, sodass mein Großvater schnell Kreisdirektor wurde. Die meisten anderen Aufrechten aber wurden von den alten Parteigenossen schnell wieder verdrängt.

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seemoz: Jauß mit seiner Nazi-Vergangenheit hat sich anlässlich des Berufsverbotes für Dich als Linken eingesetzt?

Kelter: Ja, hat er. Wir dachten immer, er sei so ein schneidiger junger Wehrmachtsoffizier gewesen, nach seinem Auftreten konnte man sich das ja auch sehr gut vorstellen. Dass er Offizier der Waffen-SS war, hat niemand von uns vermutet. Als 2015 das Gutachten des Historikers Jens Westemeier erschien,[1] ist mir schlecht geworden. All die Auszeichnungen, die Jauß damals bekommen hat. Dafür musst Du Überzeugungstäter gewesen sein. Einen Orden für den Partisanenkampf in Kroatien kriegst Du nicht am Schreibtisch.

seemoz: Es gibt Menschen, die unter jedem System Karriere machen, die sind echte Chamäleons.

Kelter: Ich nehme Jauß sogar ab, dass er ernsthaft daran mitarbeiten wollte, die Bundesrepublik Deutschland auch wissenschaftlich neu zu gründen.

seemoz: Wie ging es nach dem Berufsverbot für Dich weiter?

Kelter: Ich habe von Anfang an als fester freier Mitarbeiter für den Süddeutschen Rundfunk und den Südwestfunk gearbeitet – und musste alle 14 Tage liefern, was gerade gebraucht wurde. Zehn Folgen über Hemingway, ein Feature über Baudelaire, Buchbesprechungen, weiß der Teufel. Ab 1978 habe ich an der Dolmetscherschule Zürich Übersetzer ausgebildet, das ging aber auch nicht ewig.

Ich war zwischendurch auch Lehrer an der Kantonsschule in Kreuzlingen. Natürlich war das zuerst gewöhnungsbedürftig, denn die Schweiz war ja auch noch in den siebziger Jahren sehr modernisierungsbedürftig. Bei meinem ersten Lehrerkonvent waren damals die beiden Handarbeitslehrerinnen, der Direktor und ich die einzigen Zivilpersonen. Alle anderen 50 waren in Feldgrau, das waren alles Offiziere, die im Herbst zu ihren militärischen Übungen ausrückten. Ich hatte einen Nachbarn, dessen Frau seine Uniform immer schon eine Woche vorher zum Lüften auf den Balkon hängte. Für ihn war das aber vor allem Urlaub von seiner Familie, das waren für viele ohnehin weniger Wehrübungen als vielmehr Saufgelage mit ihren alten Kumpels.

seemoz: Was hat die Schweiz verändert?

Kelter: Die großen Skandale. Die Drogenszene in Zürich am Letten und am Platzspitz, die Fichenaffäre, und schließlich die Raubgold-Geschichte – durch all das hat sich die Schweiz innerhalb weniger Jahre vollkommen gewandelt.

seemoz: Die Fichenaffäre hat sicher auch viele Schriftsteller betroffen?

Kelter: Nicht nur. Es gibt auch die Anekdote vom Luzerner Regierungsrat, der zum Polizeidirektor sagte, so etwas gibt es bei uns aber nicht? Der Polizeidirektor antwortete, dass es das auch in Luzern gebe. Darauf ließ der Regierungsrat sich kistenweise Akten bringen. Die erste, die er herauszog, war die Akte über sich selbst, er war nämlich Sozialdemokrat und wurde natürlich auch bespitzelt. Der ist beinahe in Ohnmacht gefallen.

seemoz: Hast Du jemals Deine Fiche gesehen?

Kelter: Ja, meine war stark eingeschwärzt. Alles Wesentliche, vor allem die Namen der Zuträger, war unleserlich gemacht. Aber diese Dinger waren lustig zu lesen. Wenn die Kantonspolizei plötzlich anfängt, Geheimdienst zu spielen, kommt da etwas heraus, das etwa wie Nick Knatterton im Quadrat ist. Die haben nichts verstanden von dem, was sie gehört haben. Über mich stand zum Beispiel drin: „Dem Vernehmen nach reist der K. demnächst nach Ungarn, wir haben uns überlegt, den K. anzusprechen.“ Was wollten die von mir? Sollte ich ihnen Salami mitbringen oder ein Foto vom Budapester Flughafen? Bei Franz Hohler Stand in der Fiche: „Der H. stellt sein Fahrrad in der Nähe der Botschaft der DDR in Bern ab.“

Die Berichte waren so schlecht, dass ich mir sicher war, dass sie von niemanden aus meinem Umfeld stammen konnten. Das war klar die kantonale Polizei. Ich habe dann dort angerufen und gesagt, dass ich jetzt aber pronto Kopien meiner Akte sehen will. „Was wollen Sie? Kopien? Wir haben keine Kopien. Wir machen auch keine Kopien. Aber der Justizdirektor lässt ausrichten, dass Sie jederzeit gern auf einen Kaffee vorbeikommen können.“ Die wollten mir im Ernst erzählen, dass sie das einzige Amt in der Schweiz sind, das keine Aktenkopien anfertigt. Lächerlich! Am Ende wurde dann von Bern aus verfügt, dass die Akten rausgegeben werden müssten, aber sie waren natürlich komplett geschwärzt. Die gesamte Kantonspolizei war über Jahre damit beschäftigt, Spitzelberichte zu schreiben.

seemoz: In Deutschland war es wohl besser?

Kelter: Keinen Deut. Ich hatte schon damals an der Uni immer wieder den Verdacht geäußert, dass der AStA verwanzt sei. Da hieß es, Ihr Linken seid doch paranoid. Bis ich dann meine Fichen bekam. Meine schweizerische Fische beginnt bereits vor meiner Übersiedlung in die Schweiz, sie enthielt natürlich auch Spitzelberichte aus meiner Zeit an der Universität Konstanz, weil die Deutschen und die Schweizer zusammengearbeitet haben. Als ich in der Schweiz ankam, wussten die dort bereits über mich Bescheid. Natürlich war auch die Universität Konstanz von Spitzeln durchsetzt, die selbstverständlich auch im AStA platziert waren. Irgendwann wurde ja auch ein Pressesprecher des Rektors als V-Mann enttarnt. Die gesamte Uni wurde damals mit einem riesigen Personalaufwand komplett überwacht.

seemoz: Was steht denn in Deiner deutschen Akte?

Kelter: Um die habe ich mich nie gekümmert. Aber vor ein paar Jahren hat mich ein Journalist gefragt, ob er meine deutsche Akte einsehen darf. Ich habe ihm die Erlaubnis gegeben. Der Journalist hat dann sowohl meine Akte gelesen als auch die von Kretschmann. Er erzählte mir hinterher, dass meine Akte ziemlich dünn war und die vom Kretschmann ziemlich dick. Und der Kretschmann ist Ministerpräsident geworden und ich habe meinen Job verloren. Das ist ein ziemlich feiner Unterschied.

seemoz: Der Kretschmann ist ja Katholik, da hat ihm sicher die Hand Gottes geholfen. Außerdem hat er sich immer bußfertig gegeben und für alles entschuldigt, was er früher vielleicht mal richtig gemacht hat.

Das Gespräch mit Jochen Kelter führte Harald Borges, Bilder: Privatbesitz


Jochen Kelter liest

– Mittwoch, 21. Oktober, um 20.00 Uhr in der Buchhandlung Homburger & Hepp, Münsterplatz 7, in Konstanz, Eintritt frei. Eine Voranmeldung persönlich oder unter Tel. +49-7531-90810 ist erforderlich.
– Freitag, 23. Oktober, um 19.00 Uhr im Kunstmuseum Singen, Ekkehardstraße 10, Singen, Eintritt frei. Für die Teilnahme bedarf es einer Anmeldung unter +49 (0)7731 85-269 oder per E-Mail.


Anmerkungen

[1] Das Gutachten kann hier heruntergeladen werden.

[2] SDS-SHB-AStA: SDS = Sozialistischer Deutscher Studentenbund, 1961 aus der SPD ausgeschlossen; SHB = Sozialdemokratische Hochschulbund (SHB), ab 1972 nach Ausschluss aus der SPD Sozialistischer Hochschulbund; AStA = Allgemeiner Studierendenausschuss oder Allgemeiner Studentenausschuss, Studentenvertretung an der Universität.

[3] FDGO = Freiheitliche demokratische Grundordnung, ein Begriff aus dem Grundgesetz.


Die anderen Teile dieses Gesprächs

07.10.20 | Teil II
08.10.20 | Teil III
09.10.20 | Teil IV