Corona setzt auch den KünstlerInnen zu

Auch KünstlerInnen haben unter der aktuellen Pandemie zu leiden und gehen jetzt an die Öffentlichkeit. Ihnen brechen wie vielen anderen freiberuflich Tätigen auch die Aufträge weg, Theater und Konzertsäle sind geschlossen. Der Deutsche Musikrat hat bereits früh ein Grundeinkommen gefordert, und eine bundesweite Künstlerinitiative sammelt jetzt Unterschriften. Außerdem hat Daniel Grünauer, am Theater und in der Kreispolitik aktiv, einen Brief geschrieben, der Probleme und Lösungen analysiert.

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Daniel Grünauer ist selbstständiger Dramaturg, Regisseur und Autor sowie Kreisrat in Konstanz und im „Aktionsbündnis Darstellende Künste“ aktiv. Er beschreibt die oft prekäre Lage künstlerisch tätiger Menschen und ruft die politischen EntscheidungsträgerInnen zur Hilfe auf. Wir dokumentieren seinen Brief in gekürzter Form.

Zur aktuellen Problematik

Wir – das sind SchauspielerInnen, PerformerInnen, SängerInnen, TänzerInnen, MusikerInnen, RegisseurInnen, Bühnen- und KostümbildnerInnen, DramaturgInnen und AutorInnen, ChoreografInnen und DirigentInnen, VideokünstlerInnen, KomponistInnen und viele mehr – leben von der Kunst, die wir für ein Publikum betreiben. Die notwendig gewordene vorübergehende Schließung sämtlicher Kultur- und Theaterbetriebe bringt bundesweit die Theaterlandschaft und damit viele der Menschen darin in erhebliche finanzielle Bedrängnis.

Viele Theater in öffentlicher Trägerschaft oder Privattheater mit öffentlicher Förderung können bzw. dürfen zum Teil keine Gehälter und Honorare für abgesagte oder verschobene Produktionen, Vorstellungen, (internationale) Gastspiele oder Festivals zahlen. Entweder weil ihre Verträge dies nicht vorsehen, oder weil sie derzeit nicht die Mittel dazu haben. Theaterleitungen riskieren – zahlen sie dennoch Gagen oder Honorare aus – diese Zahlungen ohne Rechtsgrund vorgenommen zu haben. Zudem haben erste Theater bereits Kurzarbeit angemeldet, weitere werden vermutlich folgen. Da besonders die künstlerisch Beschäftigten unterdurchschnittlich verdienen, besteht selbst bei den „fest“ angestellten KünstlerInnen die große Gefahr prekärer Einkommen. Durch ihre atypischen Beschäftigungsverhältnisse und die seit jeher geringen Honorare und Gagen, kann die Mehrheit der KünstlerInnen keine Rücklagen bilden und steht nun vor dem Nichts.

Es ist nachvollziehbar, dass Theaterbetriebe einer Krise und Schließzeiten mit Maßnahmen zur Kosteneinsparung begegnen. Dies kann allerdings nicht zu Lasten der ohnehin schon prekär beschäftigten KünstlerInnen erfolgen: Trotz unterzeichneter Verträge erhalten Theaterschaffende nun Absagen, keine oder nur geringfügige Gagenfortzahlung oder sogar Kündigungen. Vielerorts berufen sich Theaterleitungen dabei auf die Vertragsklausel zur „Höheren Gewalt“. Gemäß dieser Klausel entfallen bei Absagen oder Ausfällen aufgrund Höherer Gewalt alle Vergütungsansprüche der freien MitarbeiterInnen. Allerdings wird diese Klausel von Rechtsvertretungen der Arbeitgeber- wie auch der Arbeitnehmerseite als unrechtmäßig und damit unwirksam eingestuft. Es wird den Theaterleitungen daher dringend empfohlen, die Verträge einzuhalten, um hier gerichtlichen Auseinandersetzungen vorzubeugen.

Unsere konkreten Anliegen

I. Faire Entlohnung geleisteter Arbeit/Ausfallhonorare für Produktionsteams und freie KünstlerInnen analog zu Kurzarbeit an öffentlichen Theatern bis mindestens Ende der Spielzeit 20/21.
Was die freischaffenden KünstlerInnen und Kulturschaffenden brauchen, sind faire Ausfallhonorare aus bestehenden Verträgen, z.B. angelehnt an Kurzarbeit. Arbeit, die bereits stattgefunden hat – Vorbereitung, Probenbeginn etc. – muss bezahlt werden. Ebenfalls dürfen freischaffende KünstlerInnen nicht auf bereits angefallenen Kosten z.B. für Reise- und Übernachtung sitzenbleiben.

II. Faires Vorgehen und sozialer Ausgleich bei Kurzarbeit/Einbindung sozialversicherungspflichtiger Gäste in die Kurzarbeitsregeln, damit ein existenzsicherndes Einkommen für alle gewährleistet werden kann.
Die Einführung von Kurzarbeit kann auch für Theater ein Mittel sein, der aktuellen Krise zu begegnen. Das zu erwartende Kurzarbeitergeld ist jedoch wie bekannt auf 60% des jeweiligen Gehalts beschränkt. Für viele Beschäftigte am Theater (Vollzeit-Gage für künstlerisch Beschäftigte z.B. oftmals 2.000,- Euro brutto) ist das einfach zu wenig. Zudem werden sozialversicherungspflichtig geführte Gäste meist nicht in die Kurzarbeit-Regelungen übernommen.

III. Fairer Umgang mit freien Gruppen und (überregionalen, europäischen und internationalen) Compagnien bei Gastspielen und Festivals bis mindestens Ende der Spielzeit 20/21.
Im Zuge der Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie werden auch Festivaleinladungen und andere Gastspiele von Gruppen der Freien Szene sowie von europäischen oder internationalen Compagnien abgesagt. Die meisten freien Gruppen finanzieren sich jedoch überwiegend durch ihre Gastspieleinnahmen. Zahlreiche – auch renommierte europäische und internationale – Compagnien verfügen neben den Touring-Einnahmen über keine, oder nur sehr geringe Förderung. Durch den Zusammenbruch der internationalen Kooperationen und nahezu aller Touring-Möglichkeiten weltweit, verbunden mit oftmals schwacher lokaler Kulturförderung droht hier der vollständige und irreversible Zusammenbruch dieser Strukturen.

Unser Hilferuf

Theater, die sozial, global solidarisch und fair handeln (wollen), brauchen politische Unterstützung, auch durch die Schaffung von Rechtssicherheit und – wenn nötig – klare politische Vorgaben. Fairness und Solidarität mit den KünstlerInnen hängen in dieser Situation vor allem an den jeweiligen öffentlichen Trägern und Zuwendungsgebern. Die Existenzgrundlage eines Großteils der Theaterschaffenden kann dabei durch bereits budgetierte Gelder und bestehende Strukturen gesichert werden. Die bestehenden Sofort- und Nothilfefonds würden dadurch entlastet und die Anzahl derjenigen, die Grundsicherung beantragen müssen, verkleinert.

Die langfristigen Folgen der Corona-Krise sind zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abzusehen. Wichtig sind derzeit Konzepte für die Spielzeit 2020/2021 und danach. Für die Wirtschaft wird es nach den Soforthilfen Konjunkturprogramme geben. Das wird auch die Kultur brauchen.

Initiative will Soforthilfe-Programm

In dieselbe Kerbe schlägt auch die „Initiative Kulturschaffender in Deutschland“. Sie formuliert im Namen freischaffender KünstlerInnen ganz konkrete Forderungen und hat einen Brief ins Internet gestellt, der bisher schon mehr als 7000 UnterzeichnerInnen gefunden hat. Hier eine Zusammenfassung:

Die Bundes- und Landesregierungen haben Sofortmaßnahmen beschlossen, deren Ziel es sein sollte, Solo-Selbstständige, KleinunternehmerInnen und Angehörige der freien Berufe zu unterstützen – doch die Umsetzung geht sehr an der Realität der Betroffenen vorbei. Zusammenfassend fordern wir dringende Verbesserungen an den aktuellen Hilfsprogrammen, verbunden mit klaren Rechtsverbindlichkeiten und einem bundeseinheitlichen Vorgehen der Politik, um die aktuellen Unsicherheiten zu beseitigen. Wir halten es für unabdingbar, dass Solo-Selbstständigen und freien Kulturschaffenden ein Programm zur Soforthilfe zum Ausgleich der existenzbedrohenden Einbußen zur Verfügung gestellt wird, das unabhängig von der Grundsicherung funktioniert. Wir sehen es als gerechtfertigt an, dass Solo-Selbstständige sich ebenfalls ihren „Geschäftsführerlohn“ als Betriebsausgabe über Soforthilfeprogramme finanzieren können. Wir fordern ein durch Landes- und Bundesmittel abgedecktes bundeseinheitliches Soforthilfeprogramm, in welches ein monatlicher Bedarf zur Lebenshaltung in Höhe von 1.180,- Euro integrierbar ist.

Daniel Grünauer/Initiative Kulturschaffender in Deutschland/red (Bild: Theater Konstanz, bearbeitet)


Weitere Informationen zum Thema:
Brief zum Mitunterzeichnen: www.initiative-kulturschaffender.de/offener-brief
Deutscher Musikrat: www.musikrat.de/aktuelles/detailseite/coronakrise-deutscher-musikrat-fordert-befristetes-grundeinkommen