Sie tanzen die Waldorfmania

Zum 100-jährigen Bestehen der Waldorfschulen gab es in den „Tagesthemen“ ein Buchstaben-Tänzchen, und der grüne Landesvater fand nur lobende Worte. Kritische Stimmen zu den „versteinerten Schulen“ fanden im Jubiläumsjubel hingegen wenig Gehör.

Nach Brexit-Chaos, Bahamas-Wirbelsturm und Unions-Klimaklausur versuchte sich Caren Miosga in anthroposophischer Bewegungskunst – und tanzte eurythmisch das Wort „Tagesthemen“. Zwar nicht vor laufenden Kameras, sondern nur in Bildern auf der riesigen Studio-Videowand. „Das hier ist weder Akrobatik noch Cheerleading, sondern schlicht das ABC, so wie es die Waldorfpädagogik lehrt“, moderierte Miosga am 3. September einen Beitrag über die anthroposophischen Schulen an, die in diesen Tagen ihr 100-jähriges Gründungsjubiläum feiern.

1919 eröffnete der Unternehmer Emil Molt in der Stuttgarter Haußmannstraße eine Schule für die Arbeiterkinder seiner Waldorf-Astoria Zigaretten- fabrik. Der Name Waldorfschule war geboren. Foto: Freie Waldorfschule Uhlandshöhe

Der anschließende Film zeigte anhand der Interkulturellen Waldorfschule Mannheim, „warum diese Art zu lernen auch heute noch viele Schüler und deren Eltern bewegt“ (Miosga). Allerdings kam der vom SWR zugelieferte Beitrag nicht bei allen Zuschauern gut an. „Werbeunterbrechung für Waldorfschulen in den Tagesthemen“ monierte etwa der Waldorf-Kritiker Andreas Lichte im Humanistischen Pressedienst. In einem ausgewogenen Beitrag, wie man ihn von öffentlich-rechtlichen Medien erwarten dürfe und müsse, hätte auch Kritisches über das Waldorf-Konzept und seinen Gründer Rudolf Steiner Erwähnung finden müssen, so Lichte.

Schule der Bildungsbürger und Exportschlager

Lobhudelei hin, Lehrkonzeptschelte her. Tatsächlich bekamen die „Tagesthemen“-Zuschauer nur einen Ausschnitt aus einer 45-minütigen Reportage zu sehen, die zwei Tage später in voller Länge im dritten Programm des Südwestrundfunks (SWR) ausgestrahlt wurde. In „Waldorf global: Eine Schule geht um die Welt“ präsentierte SWR-Redakteurin Esther Saoub noch ausführlicher die Schule im Mannheimer Brennpunktviertel Neckarstadt-West, in der Kinder aus unterschiedlichsten Schichten und Kulturen gemeinsam lernen. Damit suchte sich die Autorin allerdings einen anthroposophischen Solitär aus: bis heute besuchen vor allem Kinder aus dem gehobenen deutschen Bildungsbürgertum die hiesigen Waldorf-Schulen, während Migrantenkinder deutlich unterrepräsentiert sind. „Ich wollte nicht das Gleiche immer wieder erzählen“, begründete Saoub ihre Auswahl in einem Radiointerview.

Während ihrer einjährigen Recherche besuchte die Autorin auch anthroposophische Einrichtungen im brasilianischen Sao Paulo, in der russischen Industriestadt Samara und in einem Flüchtlingscamp im Nordirak. Die Botschaft der dokumentarisch angehauchten Reportage: 100 Jahre nach Gründung der ersten Waldorfschule in Stuttgart ist daraus eine riesige Schulbewegung geworden, die Rudolf Steiners Bekenntnis von der „Erziehung zur Freiheit“ in alle Welt exportiert.

Laut Bund der Freien Waldorfschulen besuchen etwa 88.000 Schüler die 245 Freien Waldorfschulen in Deutschland, davon etwa 60 im Südwesten. „Weltweit bieten derzeit mehr als 1150 Schulen und knapp 1900 Kindergärten Waldorferziehung an: von Island über Ägypten bis nach Südafrika, von Honolulu übers Silicon Valley bis nach Tokyo“, heißt es in einer Presseerklärung der weltweit ältesten Waldorfschule auf der Stuttgarter Uhlandshöhe. Diese wurde am 7. September 1919 durch den Unternehmer Emil Molt als eine Schule für die Arbeiterkinder (!) seiner Waldorf-Astoria Zigarettenfabrik eröffnet. Sie gilt als Mutter aller Waldorf-Schulen, auch weil sie anfangs von Rudolf Steiner (1861-1925), dem österreichischen Esoteriker und Gründer der anthroposophischen Weltanschauung, persönlich geleitet wurde.

Bunte Waldorfwelt im Flüchtlingscamp.

Filmausschnitte: SWR

Doch noch vor Ausstrahlung schlug Saoubs Waldorf-Reportage in Medienkreisen Wellen. Der freie Journalist Boris Rosenkranz störte sich im Online-Magazin „Über Medien“ an allzu einseitiger Aufmachung. Die Reportage sei eine „weitgehend freundliche Darstellung der Waldorf-Pädagogik“. Kritisch bemerkte er, dass darin neben Schülern, Lehrern und Eltern auch der Bildungsforscher Heiner Barz als vermeintlich unabhängiger Experte zu Wort kommt. Laut Waldorf-Kenner Lichte wurde Barz‘ Studie über „Bildungserfahrungen an Waldorfschulen“ unter anderem vom Bund der Freien Waldorfschulen mitfinanziert. In der SWR-Doku wird dies nicht erwähnt.

SWR-Autorin eng mit Waldorf-Bewegung verbandelt

Rosenkranz recherchierte auch, dass SWR-Autorin Saoub, die bislang für ARD und ARTE aus dem Nahen Osten berichtete, mit der Waldorf-Bewegung enger verbunden ist als auf den ersten Blick ersichtlich. So ist Saoub selbst nicht nur Waldorf-Schülerin, sondern sitzt auch im Vorstand des Vereins für ein „Freies Schulwesen, Waldorfschulverein e.V.“, dem Träger der Schule auf der Stuttgarter Uhlandshöhe. Beim großen Festakt zum 100-jährigen Jubiläum in der Stuttgarter Liederhalle war sie noch als Moderatorin vorgesehen, sagte aber einen Tag vor der Veranstaltung mit den grünen Festrednern Winfried Kretschmann (Ministerpräsident) und Fritz Kuhn (Oberbürgermeister) ab. Der Druck war zu groß geworden.

Darf jemand wie Saoub, die „mittendrin“ in der Waldorf-Bewegung steht, dann auch eine Doku über Waldorfschulen drehen, wollte Rosenkranz vom SWR wissen. In seiner Antwort wand sich der Sender um ein klares Ja oder Nein. Der Auftrag sei gewesen, „anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Waldorf-Idee die weltweite Expansion der Waldorfschulen grob nachzuzeichnen“. Und da es bereits, „auch seitens des SWR“, Dokumentationen gebe, „die sich explizit kritisch mit der Idee und Historie der Waldorf-Bewegung auseinandersetzen, hat die Redaktion sich für einen deskriptiven Ansatz entschieden“. „Deskriptiv (von lateinisch describere, beschreiben, umschreiben) bezeichnet einen beschreibenden bzw. abbildenden Standpunkt, der den Anspruch einer wertfreien Betrachtung erhebt“, definiert Wikipedia das Fremdwort. „Was also das Gegenteil von kritisch sein muss, denn kritisch gäbe es ja schon“, interpretiert Rosenkranz das Statement des Senders.

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Hektische Korrekturen beim SWR

Rosenkranz‘ Neugier löste offenbar hektische Aktivitäten im SWR aus. Denn kurz vor dem Sendetermin der Reportage wurden sowohl Pressetext als auch Filmabspann um einen „Transparenzhinweis“ ergänzt. Erst durch diesen erfuhren Zuschauer von der engen Verbandelung der Filmautorin mit der Waldorf-Bewegung. „Es war also offenbar nicht von Anfang an geplant, offen mit der „ehrenamtlichen Verbindung“ umzugehen“, schlussfolgert Rosenkranz. So fehlte auch in den „Tagesthemen“ der Hinweis auf Saoubs Vorstandstätigkeit. Moderatorin Miosga erwähnte bloß, Saoub sei „selbst eine Waldorfschülerin“.

Anders als der SWR berichtete etwa das ZDF das 100-jährige Waldorf-Jubiläum ausgewogener. „Die einen feiern sie als vorbildliche reformpädagogische Schulen. Für andere sind sie einfach nur esoterisch und weltfremd“, stellte das „Heute“-Portal die Positionen gegenüber. „In einer Zeit, in der sich viele Menschen überfordert und verunsichert fühlen und darauf mit Abschottung und Ausgrenzung reagieren, müssen wir mehr vermitteln, als das Einmaleins, physikalische Formeln und grammatikalische Regeln“, wird darin Henning Kullak-Ublick zitiert, Vorstandssprecher des Bundes der Freien Waldorfschulen und der Internationalen Waldorf-Konferenz.

„Es gibt kein jahrgangsübergreifendes Lernen. Stattdessen herrscht zumindest in der Unterstufe ein autokratisches Regime: Der Klassenlehrer unterrichtet acht Fächer allein, meist im Frontalunterricht“, kommt als Gegenredner Professor Heiner Ullrich bei „Heute“ zu Wort. „Ich höre immer wieder von Klagen, dass an Waldorfschulen weniger neue Lernformen anzutreffen seien als an staatlichen Schulen. Zudem sind sie ein Ort der jahrelangen digitalen Abstinenz“, sind für den Erziehungswissenschaftler von der Uni Mainz Waldorfschulen in der pädagogischen Vergangenheit stehen geblieben.

Rudolf Steiner um 1905. Foto: übernommen aus Wolfgang G. Vögele, „Der andere Rudolf Steiner“, S. 116, gemeinfrei.

„Waldorf hat Charakter einer Sekte“

Die „Süddeutsche Zeitung“ (SZ) protokollierte Aussagen eines ehemaligen Waldorflehrers aus Baden-Württemberg. „Waldorf hat den Charakter einer Sekte, und mittlerweile bin ich überzeugt: Waldorf richtet Tag für Tag Schaden an. An fast jeder Schule findet sich ein harter Kern an Leuten, die Rudolf Steiner wie einen Religionsgründer behandeln“, begründet Nicholas Williams in der SZ, warum er inzwischen aus dem Waldorf-Schuldienst ausgestiegen ist.

Unter den ARD-Sendern setzte sich zuletzt der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) kritisch mit der Waldorfpädagogik und deren Weltanschauung auseinander. Anlass für den im April im Politmagazin „Kontraste“ gesendeten Bericht war ein Masernausbruch in Freiburg. Während die meisten Medien den genauen Ausbruchsort verschwiegen, benannte „Kontraste“ den Infektionsherd: die Waldorfschule im Freiburger Stadtteil Rieselfeld. „Insbesondere im bürgerlich-alternativen Milieu gibt es viele Impfgegner, bestärkt in ihrer Ablehnung von medizinisch sinnvollen Impfungen werden sie oftmals durch Anthroposophen und Heilpraktiker“, so das Magazin. Noch deutlicher wird der Virologe Professor Klaus Überla vom Universitätsklinikum Erlangen in dem RBB-Beitrag: „Bei fast allen Masernwellen in den vergangenen Jahren spielten Waldorfschulen eine Rolle. Deutschlandweit sind sie Brutstätten des Virus. Es ist ein Erbe des Begründers der anthroposophischen Waldorfpädagogik. Rudolf Steiner, der auch an Naturgeister glaubte, sah Masern als Chance, das eigene Karma zu verbessern.“

Bis heute schürten anthroposophische Ärzte Zweifel an den offiziellen Impfempfehlungen, kritisiert der Virologe. Dennoch würden die Anthroposophen weiter hofiert, vor allem von den Grünen, heißt es in „Kontraste“. Zwar spreche sich die Partei offiziell für Masernimpfungen aus. Eine Impf-Pflicht, inzwischen bundesweit eingeführt, lehnten die Grünen kategorisch ab.

Rudolf Steiner: Philosoph und Rassist

„Steiners Lebenswerk ist gewaltig. Es ist eigentlich unübersehbar“, betonte Winfried Kretschmann am vergangenen Samstag in seiner Festrede. Doch der promovierte Philosoph sei auch ein Mensch gewesen, ein Mensch mit Fehlern. „Seine Begriffe von ‚Stamm‘ und ‚Rasse‘ gehören zu seinen größten Fehlern. Sie sind vollkommen inakzeptabel“, so Kretschmann. „Auch angesichts eines heute wieder erstarkenden Rechtspopulismus.“ Mit der „Stuttgarter Erklärung“ von 2007 habe sich der Bund der Freien Waldorfschulen richtigerweise deutlich und kritisch gegen jede Form von Nationalismus, Rassismus und Diskriminierung ausgesprochen.

Kritische Worte zur Waldorfpädagogik? Fehlanzeige. „Die Waldorfschule war – gemessen an ihrer Verbreitung im In- und Ausland – eine der erstaunlichsten und erfolgreichsten deutschen Bildungsideen des letzten Jahrhunderts“, so Kretschmann, der selbst Lehrer an einer staatlichen Schule war. Stattdessen tröstende Worte: „Die Waldorfschulen können auch sehr gelassen mit dem Vorurteil leben, dass man in ihnen vor allem lerne, seinen Namen zu tanzen und Honig zu schleudern.“

Finanzschwache bleiben draußen

Im September 2017 wurde das baden-württembergische Privatschulgesetz geändert, was zu einer deutlich verbesserten finanziellen Förderung freier Schulen durch das Land führte. „Nun können auch die Waldorfschulen als sogenannte Schulen besonderer pädagogischer Prägung mit auskömmlichen staatlichen Zuschüssen unser Schulwesen weiter bereichern. Sie können als Schulen in freier Trägerschaft dem Anspruch Emil Molts auf Bildung für alle treu bleiben. Ohne ihre Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern abzusondern!“, so Ministerpräsident Winfried Kretschmann beim 100-Jahr-Festakt der Stuttgarter Waldorfschule auf der Uhlandshöhe.

Mit dem Privatschulgesetz wurde auch dessen Vollzugsverordnung geändert. Diese stellt klar, dass ein monatliches Schulgeld über 160 Euro gegen das Sonderungsverbot des Grundgesetzes verstößt, wonach Privatschulen grundsätzlich allen Bürgern und deren Kinder ohne Rücksicht auf ihr Einkommen und Vermögen offenstehen müssen. Recherchen zu diesem Beitrag ergaben Hinweise, dass einzelne Waldorfschulen bis heute ein höheres Schulgeld (im Waldorfsprech: Elternbeitrag) in den individuellen Finanzgesprächen vereinbaren oder Kindern einkommensschwacher Eltern den Waldorfschulbesuch aus finanziellen Gründen von vornherein verwehren. Betroffene Eltern können sich vertraulich an den Autor wenden. (jl)

Nachtrag: Aktuell berichtet auch das Medienmagazin „Zapp“ über die Nähe der SWR-Autorin Saoub zu Waldorfschulen. Den Beitrag gibt es hier zu sehen.

Jürgen Lessat (der Text erschien zuerst bei der Kontext-Wochenzeitung)

Titelbild: Schulbeginn in der Waldorfschule auf der Stuttgarter Uhlandshöhe (Charlotte Fischer).