Schwurbeldiwurbel im Stadtgarten

Samstag, 16. Mai, 15:00 Uhr, auf dem Weg in den Stadtgarten. Die Sonne scheint, die Grenze zur Schweiz ist wieder geöffnet, die Markstätte voller Menschen, Schlangen vor den Geschäften und Menschen mit Gesichtsmasken. Wie vor Corona schlendern Schweizer Familien mit Einkaufstüten durch die Stadt. Eigentlich schön. Wer meint, körperlicher Abstand sei noch immer geboten, hätte an diesem Samstag die Innenstadt besser gemieden. Aber schön und gut für den Aufschwung – vielleicht oder hoffentlich.

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Im Stadtgarten empfängt mich ein Schild „Widerstand 2020.de“. Auf der Wiese sitzen vergnügte Kleingrüppchen, an der Konzertmuschel laufen die Vorbereitung zur Corona-Gegendemo, wie sich die Demo wirklich nennt, weiß ich nicht, erfahre ich auch nicht. Zwischen Musik von Xavier Naidoo und einem parallel trompeteten Deutschlandlied bereiten sich die Organisator*innen vor. Eine interessante musikalische Rahmung: Aus der Box ein antisemitischer Verschwörungsfaseler und Freund der rechtsradikalen Reichsbürger, dazu live die Deutschlandhymne. Welch auditiver Synkretismus. Ein selbsternannter Dr. Gates in weißem Ärztekittel und mit großer Spritze ausgerüstet empfängt die langsam eintrudelnden Demonstrant*innen. Bill Gates will er darstellen, den vermeintlichen Impfterroristen.

Die Redner*innen erklären bei der Eröffnung ihrer Veranstaltung die Auflagen der Polizei, beispielsweise dürfen Passant*innen ohne Maskenschutz nicht angesprochen werden. Ein Zeitungsausteiler hat das wohl nicht gehört, ganz freimündig schwatzend verteilt er seine Blättchen. Gegrüßt werden die Mitdemonstrierenden aus anderen deutschen Städten, wie Stuttgart, in dem heute bei selbiger Veranstaltung zeitgleich radikale Rechte wüten. Bedauert werden die Auflagen der Politik sowie die Schelte von manipulierten Medien wie dem Südkurier.

Matthias heißt der erste Redner und startet mit pathetisch ausholenden Abgrenzungen, was die demonstrierenden Corona-Auflagen-Wutbürger*innen alles nicht seien: „Seid ihr Rechtsradikale?“ – „Nein!“, ruft das Publikum, gefolgt von: „Seid ihr Aluhutträger?“, „Seid ihr Verschwörungstheoretiker?“ und so weiter. Der Redner bedauert diese falschen Wahrnehmungen seiner selbst und der Demonstrierenden. Denn er sei „Teil der Friedensbewegung“. Warum er dann nicht gegen den Krieg demonstriere, fragt ein junger Mann neben mir. Der Redner meint, er wolle zeigen, „wie Demokratie geht“. Aha, das würde ich jetzt doch auch gerne hören, nachdem gefühlt die Rede von „Angst, Sorge und Lüge“ war und von allem, was die Demonstrierenden hier nicht sind oder nicht sein wollen oder sein sollen, man weiß es nicht genau. Ich erfahre, dass der Mundschutz ein „entwürdigend, erniedrigender Bußgeldschutz“ sei, dass die Regierung beweislastige Fakten zur Lüge des R-Faktors verschwinden lasse und wir gemäß dem Buchtitel „Glaube wenig, hinterfrage alles, denke selbst …“ von Nachdenkpopulist Albrecht Müller handeln sollten.

Auf die „kopflastigen“ Redebeiträge folgt jeweils ein musikalischer Live-Act. Damit wir, die Zuhörenden, „das Gehörte besser wirken lassen“ und „nach innen schauen können“, also in uns. In mir steigen düstere Bilder auf. Von einem anderen Redner, oder war es wieder derselbe, erfahre ich, dass hier die wahren „Verfechter der Demokratie“ versammelt seien, in der zurzeit „die falschen Köpfe rollen.“ Hoppla, die Sprache wird rauer, stört aber niemanden. Bedauert wird auch, dass kritische Köpfe polizeilich aus Landtagen abgezogen werden. Gemeint ist der rechtsgesinnte, im baden-württembergischen Landtag pöbelnde Ex-AFDler Heinrich Fichtner.

Wiederholt wird die Menge gefragt, ob unter ihr Rechtsradikale seien. Wieder heißt die Antwort: „Nein“. Dieses „Nein“ erinnert an das „Bin‘s nicht“, das Kinder so gerne sagen und sich dabei mit dem Zeigefinger an die Nasenspitze stupsen, wie um eine magische Kraft eines falschen „Neins“ zu verstärken.

Nach einer geschlagenen Stunde Geschwurbels im Stadtgarten habe ich viel zu viel aus der frisch geöffneten Mottenkiste der Rechten gehört. Ich muss gehen. Noch mehr Wortmeldungen, noch mehr musikalische Aufmunterung ertrage ich nicht. Die wichtigsten Erkenntnisse liegen auf der Hand: Ja, wir haben Probleme, viele Dinge sind nicht gut und nein, ihr (Wutbürger, Verschwörungstheoretiker, Neofaschisten …) habt keine einzige Antwort. Ihr seid nicht demokratisch gesinnt und sorgt euch nicht um Menschen in Not oder die Menschen in Deutschland. Ihr sorgt euch um den „deutschen Volkskörper“, und das ist faschistisch, dumm und unnötig. Ihr sorgt euch nicht um Meinungsfreiheit oder Grundrechte, sondern nur um euch selbst. Und ja, es ist schwer euch zu verstehen und vermutlich besser euch zu ignorieren – zumindest so lange, wie ihr eure rechtsradikalen Mitstreiter*innen hofiert.

Abla Chaya (Bild: AB)