Ist Karl Marx grandios gescheitert? (II)

Der bedeutende Denker, Philosoph und Ökonom Karl Marx hat ein unvollendetes Werk hinterlassen – das später von anderen mehr oder weniger zutreffend oder grausam schablonenhaft interpretiert wurde. Seine These, dass der Kapitalismus an seinen inneren Widersprüchen scheitern werde, hat sich jedenfalls nicht bewahrheitet – bisher nicht. Was bleibt nun von seinem Hauptwerk „Das Kapital“? Zwei Konstanzer Wissenschaftler – Ivan Glaser und Herbert Rünzi – haben Marx erneut analysiert.

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Angesichts seiner negativen Beurteilung ist es überraschend, dass Glaser den alten Marx nicht aufs intellektuelle Abstellgleis verweist und schlichtem Vergessen überantwortet. Der Denker lässt ihn nicht los und, für uns nun durchaus unerwartet, bleibt Marx für die „Analytik der Formen der kapitalistischen Produktionsweise und deren systematische Herleitung“ (S. 48) durchaus relevant. Glaser hält die Rede vom Widerspruch der Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse, vom notwendigen Zusammenbruch des Kapitalismus für falsch, will uns aber mit einer Lesart vertraut machen, die zwar mit jedweden politischen Implikationen nichts mehr zu tun haben mag, die sich aber in positiver Weise auf Marx bezieht und sich als Teil der „Neuen Marx- bzw. Kapital-Lektüre“ versteht.

Archimedischer Punkt: Technischer Fortschritt

Mit Bezug auf René Descartes will Glaser eine transphänomenale Theorie entwickeln, die mit den bekannten Kategorien Ware, Geld, Tausch beginnt, in denen die Menschen ökonomisch handeln, um dann auf das grundlegende Prinzip, das dem unterschiedlichen Tun der Individuen Struktur gibt, zu schließen. Um wissenschaftlich überzeugen zu können, kann er bei diesem ersten Schritt nicht stehen bleiben, sondern muss in einem zweiten Schritt zeigen, dass vom grundlegenden Prinzip („dem „archimedischen Punkt“) ausgehend, die bekannten phänomenalen Formen abgeleitet werden können.

Glaser meint nun in der endlosen Entfaltung der Produktivkräfte den archimedischen Punkt – also des Pudels Kern, von dem alles ausgeht – gefunden zu haben, der zu einer wissenschaftlichen Erklärung unserer Handlungs- und Verkehrsformen führt. Er behauptet, dass ein derartiges Vorgehen im „Kapital“ selbst versteckt ist: „Die kapitalistischen Produktionsverhältnisse sind es, die Raum für eine grenzenlose Entfaltung der Produktivkräfte allererst eröffnen“ (S. 50). Diese Deutung erklärt das kapitalistische Wirtschaften „aus dem Prinzip eines unendlichen technischen Fortschritts heraus“ (S. 42). An anderer Stelle bestimmt Glaser das Prinzip abweichend und spricht von „dem unbegrenzten Streben nach Gewinn“ (S. 39).

Den Unterschied, den es zwischen Technik beziehungsweise technischem Fortschritt und Gewinnstreben gibt, nimmt er entweder nicht wahr oder blendet er bewusst aus. Marx beharrte darauf, dass im Kapitalismus gerade das unendliche Gewinnstreben (die unendliche Mehrwertaneignung) antreibender Zweck und die Technik das passende Mittel ist, um dieses Prinzip unentwegt am Laufen zu halten. Glaser hingegen tut so, als gäbe es diese grundlegende Unterscheidung nicht und macht aus dem Mittel – dem technischen Fortschritt – ein unendliches Prinzip, in dem sich die „unbegrenzt perfektionierbare produktive Fähigkeit des Menschen“ (S. 39) ausdrückt. So gelangt er zu einer Rechtfertigung der kapitalistischen Verhältnisse, die er dann als die eigentliche marxsche Position popularisieren möchte. Marx wird damit zu einem „heimlichen“ Rechtfertiger der kapitalistischen Verhältnisse umgedeutet.

Demgegenüber sei betont, dass über den Technikeinsatz im Endeffekt die „Plusmacherei“ (Marx) entscheidet, und nicht das grenzenlose Perfektionieren. Technik und ihr Einsatz muss sich letztendlich daran messen lassen, ob sie dem Gewinn dient.

Während Marx die „Herrschaft“ eines unmenschlichen Prinzips in der Ökonomie ausfindig machte und Verkehrsformen analysierte, in denen die Verhältnisse den Menschen „bemeistern“, kommt Glaser zum gegenteiligen Ergebnis. In seinem Verständnis hat Marx „eine uneingeschränkte Legitimation der Formen geliefert, in denen Menschen in der kapitalistischen Wirtschaft miteinander verkehren“ (S. 46). Und dann, so Glaser, blieb nur noch Verstummen und Abbruch der Arbeiten am Kapital. Implizit macht er Marx damit zu einem Parteigänger der zum Beispiel im Silicon Valley weitverbreiteten Technikgläubigkeit.

Diesen luftigen Gedankengang wiederholt der Autor in seinen verschiedenen Anläufen immer wieder. Gleichzeitig weist er daraufhin, dass dies „Vorüberlegungen zu einer projektierten Monographie“( S. 47) sind, und tut damit kund, dass der Beweis für den behaupteten „archimedischen Punkt“ und die Herleitung der phänomenalen Formen aus dem Prinzip des technischen Fortschritts noch aussteht. Ein abschließendes Urteil über die glaserschen Thesen kann somit erst gefällt werden, wenn die angekündigte Monographie vorliegt.

Mit Marx über Marx hinaus

Während die eigentliche Untersuchung von Glaser noch aussteht, hat im letzten Jahr Rünzi sein umfangreiches Werk: „Mit Marx über Marx hinaus“ veröffentlicht. Dies ist nicht nur bemerkenswert, weil Rünzi ebenfalls Teil des oben erwähnten Konstanzer Theoriegrüppchens war, sondern insbesondere, weil er eine radikal neue Kapital-Interpretation vorlegt.

Rünzi hält sich nicht mit editorischen Fragen auf. Er nimmt Marx, das heißt vor allem die bekannten drei blauen Bände des „Kapitals“, beim Wort. Rünzis Werk ist keine politische Agitationsschrift, die den politischen Kampf unmittelbar befördern will, sondern vielmehr eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der marxschen Analyse. Anhand genauer Lektüre und mit rigoroser intellektueller Schärfe nimmt Rünzi das „Kapital“ auseinander. Eine einfache, schnelle Lektüre ist es nicht, es braucht Geduld und Genauigkeit beim Lesen. Was dabei herauskommt, erstaunt ein ums andere Mal. Im Lager der „Marx-Orthodoxie“ wird Rünzi wohl als Häretiker und Nestbeschmutzer abgetan werden, zu häufig weist der Autor Marx logische Unzulänglichkeiten und argumentative Mängel nach. Sein Buch gliedert sich in neunzehn Kapitel, die jeweils mit einer Zusammenfassung beziehungsweise einer Bewertung enden. Besprochen werden, beginnend mit der Warenanalyse und endend mit den Revenuequellen, die wichtigsten Inhalte des „Kapitals“.

Die Krux mit dem Anfang

Auch wenn die gesamten drei „Kapital“-Bände analysiert werden, liegt das Schwergewicht der Rekonstruktionsbemühungen auf Band eins und insbesondere auf den ersten Kapiteln, in denen Marx mit der Warenanalyse beginnt und dann die Kategorien Wert, abstrakte Arbeit, Geld und Kapital entwickelt. Der marxsche Anfang mit der Ware ist als solcher zu akzeptieren, insofern es Marx gelingt, aus der Ware die folgenden Kategorien wie Wert, abstrakte Arbeit und Geld zu entwickeln. Als Zwischenfazit kommt Rünzi zu einem wenig schmeichelhaften Ergebnis: Aus der einzelnen Ware und ihren Tauschakten lassen sich die erwähnten Kategorien nicht logisch stimmig ableiten und auch empirisch halten die marxschen Annahmen einer Überprüfung nicht stand.

Der Anfang mit der Kategorie Ware ist ein grundlegender und folgenreicher Fehler. Auch bei den Übergängen zum Kapital weist Rünzi logische Unzulänglichkeiten nach. Generell wechselt Marx, so ein weiterer Einwand, je nach Bedarf die Argumentationsweise und überspielt so inhaltliche Defizite.

Nimmt man diese fundamentalen Einwände ernst, so drängt sich der Eindruck auf, dass vom marxschen Kapital nicht viel übrig bleibt. Dennoch besteht Rünzi darauf, dass sich bei Marx selbst die Bausteine für eine überzeugendere Theorie der bürgerlichen Gesellschaft finden lassen. So identifiziert er als Ausgangsbegriff seiner eigenen Theorie den „Heisshunger nach Mehrarbeit“ (ein Ausdruck von Marx). Im vorliegenden Buch wird diese alternative Theorie kurz skizziert, man darf aber gespannt sein, welche Gestalt sie als völlig ausformulierte dann im nächsten Buch annehmen wird.

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Fazit

Das Werk von Herbert Rünzi bringt Ivan Glaser durchaus in argumentativen Zugzwang. Er müsste sein unendliches Prinzip des „technischen Fortschritts“ auch gegen den „Heisshunger nach Mehrarbeit“ intellektuell antreten lassen. Während in der Fassung von Rünzi der „Stachel der Kritik“ im neu gelesenen Marx erhalten bleibt, ja noch akzentuiert wird, führt die glasersche Argumentationslinie zu einer ewigen Rechtfertigung des Kapitalismus. Da das Prinzip des technischen Fortschritts, verstanden als ständiges Perfektionieren des tätigen Menschen, den Kapitalismus angeblich immer menschenfreundlicher machen soll, gäbe es auch keinen triftigen Grund mehr, fundamentale Kritik zu üben. Diese Idee vom „Ende der Geschichte“ (ein Begriff von Francis Fukuyama, der seit dem Zusammenbruch des Ostblocks durch die Welt geistert) ist nicht neu. Jedoch zu behaupten, es sei die Quintessenz der marxschen Theorie und zugleich der wahre Grund für sein unvollendetes Werk, ist doch reichlich gewagt.

Ulrich Weigel

Bild: Manuskriptseite zum zweiten Band des Kapitals, erstes Kapitel (Karl Marx / Public domain)


Glaser, Ivan: „Marx‘ Verabschiedung des Historischen Materialismus im Kapital. Die Geschichte eines Verstummens“. Wien: LIT Verlag 2020, 112 Seiten, 24,90 Euro.

Rünzi, Herbert: „Mit Marx über Marx hinaus. Zur Kritik und Korrektur von Marx‘ Theorie der bürgerlichen Gesellschaft“. Hamburg: tredition 2019, 616 Seiten, gebunden 30,99 Euro, kartoniert 22,99 Euro.