„Für die Vororte geht es um existenzielle Fragen …“

Die Vorort-Idylle trügt, ist unser Kolumnist überzeugt: Die dörflich geprägten Konstanzer Teilorte stehen vor großen Herausforderungen, bedingt vor allem durch die demografische Entwicklung. Gerade in Litzelstetten, Dettingen oder Wallhausen droht deswegen etwa das Wegbrechen wichtiger Infrastruktureinrichtungen, gleichzeitig erwachsen aus der sich verändernden Alterspyramide neue Aufgaben. Ein Plädoyer für eine vorausschauende Kommunalpolitik, die, statt auf das Kurzzeitgedächtnis des Wahlvolks zu bauen, BürgerInnenbeteiligung ermuntert und sich eine nachhaltige Dorfentwicklung zum Ziel nimmt.

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„Die Berichterstattung über das, was in den Konstanzer Vororten geschieht, beschränkt sich häufig auf Meldungen aus dem Kleintierzüchterverein!“ – Auf diese drastische Formel brachte es kürzlich eine ältere Dame, mit der ich an der Bushaltestelle ins Gespräch kam. Natürlich sei das überspitzt – im Grunde fehle es ihr aber an Nachrichten aus dem vielfältigen Dorfleben, das mehr Aufmerksamkeit verdient habe. Schlussendlich sind die Ortschaften ein wichtiger Bestandteil der Gesamtstadt, meinte sie. Nicht nur, weil sie mehr als 10.000 Einwohner stellten und mit ihrem Anteil an Tourismus, Wirtschaft und Steuereinkommen zur Entwicklung und Finanzkraft von ganz Konstanz beitrügen. Und auch innerstädtische Mitbürger sprechen mich häufig darauf an, ob sich hier „draußen“ denn gar nichts tue. Schließlich nimmt man uns so wahr, als ob die Meldung über den herabfallenden Dachziegel am Nachbarhaus die einzige Neuigkeit ist, über die man untereinander ins Gespräch kommt. Ab und an geraten die Dörfer in der Peripherie in die kommunalen Schlagzeilen, beispielsweise, wenn es um die Neugestaltung einer Ortsmitte geht, um Entscheidungen der hiesigen politischen Gremien, die vom Stadtrat nicht mitgetragen werden, oder um Jubiläen von Nachbarschaftshilfen, Bürgerstiftungen oder Sportgruppen, die das Leben vor Ort maßgeblich mitgestalten. Tatsächlich ist das, was uns von der Mainau bis nach Dettingen bewegt, oftmals kaum nach außen hin zu vermitteln – denn nicht wenige der Themen, mit denen wir uns hier befassen, sind einem wahrlichen Wohlstand geschuldet.

Die oberflächliche Zufriedenheit täuscht

Mir wird das immer wieder bewusst, wenn ich darauf blicke, wie exquisit die Schwerpunkte in den Ortschaftsräten gesetzt werden. In meinem Heimatdorf Litzelstetten beschäftigen wir uns seit Jahren mit einem Campingplatz, der nun endlich in diesem Jahr den entscheidenden Fortschritt machen, völlig neu konzipiert und baulich umgestaltet werden soll. In einem Ausschuss wurden fachkundige Bürger und Mitarbeiter der Stadtverwaltung zusammengebracht, um das Vorhaben von Beginn an gemeinsam zu gestalten. Es gab nicht wenige Verzögerungen, genauso, wie in der sich immer länger hinziehenden Auseinandersetzung um den Abriss und den Bau eines WOBAK-Gebäudes an der Martin-Schleyer-Straße, die den Arbeitskreis „Soziales Miteinander“ aufgrund eines ausbleibenden Urteils seit einem gefühlten Jahrzehnt umtreibt. Im politischen Zusammenschluss zur Förderung der Jugendarbeit oder der Offenhaltung der Kulturlandschaft engagieren sich nicht nur Ortschaftsräte für ganz konkrete Anliegen – jedoch ebenfalls ohne größere öffentliche Aufmerksamkeit. Möglicherweise fehlt es den Menschen an existenziellen Fragen – denn augenscheinlich wirkt alles in Ordnung „auf dem Land“.

Ich bin mir jedoch sicher, dass diese oberflächliche Zufriedenheit nur täuscht. Vor kurzem sprach ich mit einem Meinungsmacher in unserem Dorf. Und wir waren uns einig, dass es genügend Punkte gibt, denen wir uns im sonnenverwöhnten „Professorendorf“ widmen sollten. Denn nicht nur aus meiner Überzeugung heraus bedarf es dringend eines Korrektivs in den für Außenstehende doch oftmals schläfrig wirkenden Ambitionen des politischen Litzelstettens. Durch die Kommunalwahl ist neuer Schwung in den Ortschaftsrat getragen worden, der seit jeher unter einer zu geringen Wertschätzung durch die Bevölkerung leidet. Das dort geleistete Ehrenamt auf die Herausforderungen zu kanalisieren, aufgrund derer wir uns in den 2020er-Jahren noch manches Mal die Haare raufen werden, das scheint Aufgabe des Gremiums selbst, aber auch der interessierten Beobachter, die regelmäßig an den innerörtlichen Diskursen teilhaben. Sie fragen sich: Wo bleibt der Blick auf die perspektivische Dorfentwicklung, die maßgeblich von der Überschrift des „Demografischen Wandels“ geprägt sein wird? Ich sorge mich davor, welche Auswirkungen die sich verändernde Altersstruktur auf unsere Ortschaft haben wird. Schon heute wissen wir darum, dass gerade das mittlere Segment in der Bevölkerungspyramide deutlich zurückgehen wird. Gleichzeitig steigt die Zahl der Hochbetagen in ungeahnte Höhen – viel deutlicher als in anderen Stadtteilen.

Ein Dorf vor existenziellen Fragen

Seit langer Zeit liegen die Statistiken bereits vor, sodass es keiner besonderen Deutungshoheit bedarf, um zu attestieren, wonach gerade junge Familien fehlen werden, die für die Lebendigkeit des Dorfes von genauso wichtiger Bedeutung sind wie die ältere Generation. Die veränderte Zusammensetzung der hiesigen Gesellschaft birgt große Anforderungen in sich, welche sich vor allem am Bedarf nach mehr zivilgesellschaftlichem Miteinander festmachen dürften. Daneben ist die Gefahr wegbrechender Strukturen im sozialen Bereich bedeutsam und könnte auch die öffentliche Hand in Litzelstetten einholen. Für die Bürger geht es um ihre Lebensqualität und die Verwurzelung im vertrauten Umfeld. Die Befürchtungen, die mich bereits jetzt umtreiben, machen klar, dass ein vorausschauender Blick vonnöten ist: Wird unsere Grundschule dauerhaft erhalten bleiben? Kann die Nahversorgung vor Ort sichergestellt werden? Kann Litzelstetten die zahlreichen Handwerker, die selbstständigen Gewerbetreibenden an sich binden? Findet der Arzt einen passenden Nachfolger? Bleibt die Verwaltung bürgernah präsent? Wer übernimmt die Geschäfte im Dorf, ehe sie altersbedingt geschlossen werden? Wie kann die Pflege der Senioren gewährleistet sein? Wird genügend Kinderbetreuung angeboten werden? Wie finden Vereine ausreichend Mitstreiter, die den Ort mit ihrer Nachbarschaftshilfe, mit dargebrachter Freizeitgestaltung oder der ehrenamtlichen Begleitung im Alltag vital halten und auch künftig bereichern werden?

Dabei könnten wir schon heute Vieles tun, um die gröbsten Folgen der strukturellen Veränderungen in unserem Dorf abzufedern. Dafür braucht es zwar Einiges an Weitsicht; letztlich dürfte sich aber ein frühzeitiges Agieren durchaus lohnen. Mir scheint, als würde man derzeit in eine Sackgasse einbiegen, von der wir wissen, dass sie uns am Ende nicht weiterführen wird. Dabei könnten wir schon heute Vieles tun, um die gröbsten Folgen der strukturellen Veränderungen in unserem Dorf zu puffern. Als „Ureinwohner“ Litzelstettens ist es mir ein Anliegen, nicht sehenden Auges auf ein Ausbluten der Vororte zuzufahren. Viel eher sollten wir mithilfe von Statistikern, Politikern und Praktikern an Konzepten arbeiten, die vorausschauend verschiedenste Einzelmaßnahmen bündeln, um die Konsequenzen des gesellschaftlichen Wandels vor Ort milde zu halten. Die inhaltliche Arbeit an Entwicklungen, die heute noch abstrakt erscheinen, ist sicherlich nicht einfach. Und doch wünsche ich mir eine Politik, die sich unter Beteiligung interessierter und fachkundiger Bürger auf den Weg macht, die für die Ortschaft durchaus existenziellen Hürden anzugehen.

Fehlt es an linker Politik in den Vororten?

Bislang konnte sich Litzelstetten mit sachlichen Anliegen beschäftigen, von denen andere Stadtteile nur träumen. Deshalb obliegt es besonders dem neuen Ortschaftsrat, sich auch den Baustellen zuzuwenden, die derzeit noch abstrakt sind. Gerade, weil es in den Teilorten an einer nachhaltig denkenden Kraft im linken Parteienspektrum fehlt, schien die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Problemen bisher wenig populär. Die konservative Besetzung aller Ortsvorsteher-Posten vermag zwar eine gewisse Kontinuität in sich bergen; sie hat die Diskussion um die Entwicklung der Dörfer aber nicht wirklich vorangebracht. Nachdem man davon ausgehen sollte, dass unter dieser Konstellation die Liste der SPD nicht nur im hiesigen Ortschaftsrat die einzige politische Kraft ist, die sich dem für viele Bürger futuristisch wirkenden Thema des „Demografischen Wandels“ verschrieben haben dürfte, wird man in der Realität eines Besseren belehrt: Nicht nur, weil die Sozialdemokraten in Litzelstetten einen Sitz verloren haben, konzentriert sich das Augenmerk nun auf die „Freien Wähler“ (FW), die mit einem hohen Frauenanteil und einer Verjüngung des Gremiums wesentlich zu mehr Dynamik in der kommunalpolitischen Debatte beitragen.

Dass sich gerade die FW in Litzelstetten dafür eingesetzt haben, die Ausschussarbeiten der vergangenen Legislatur noch auszuweiten – unter anderem mit einer Arbeitsgruppe zur Mobilfunkbelastung im Dorf – dürfte ihr Profil des aktiven Motors in der Öffentlichkeit noch stärken. Sicherlich wird man mit anderen „Zugpferden“ wie der Förderung des Tourismus oder der Würdigung Litzelstettens als einem der Weltkulturerbe-Fundorte prähistorischer Pfahlbaureste rund um den Überlinger See deutlich mehr Rückhalt aus der Bürgerschaft erfahren als mit Problemen der nächsten Dekaden, die bislang noch kaum jemand greifen kann. Dabei ist es zweifelsohne möglich, sich schon heute auf das vorzubereiten, was prognostizierbar ist. Nicht nur in der „großen“ Politik in Stuttgart oder Berlin sollten die Augen stets auf Perspektive ausgerichtet sein – und sich nicht auf den kommenden vier oder fünf Jahren ausruhen. Nachhaltigkeit vor der eigenen Haustüre zu leben, das ist durchaus eine Tugend, der nicht viele Mandatsträger folgen können. Denn auch das Kurzzeitgedächtnis der Wähler trägt dazu bei, wonach es die unmittelbaren Entscheidungen für Veränderungen im Hier und Jetzt sind, die an der Wahlurne den größtmöglichen Erfolg einbringen. Ich bin jedoch fest davon überzeugt, dass die Jugend von heute dankbar auf ein Dorfbild blicken wird, das ihre Vorfahren im Jahr 2020 mit Umsicht und nötiger Gelassenheit zu bauen begonnen hatten …

Dennis Riehle