Hinter dem Zero ein Nero (III)

Er hat ausgedient – vielleicht bald ja auch in Konstanz? Nicht überall, aber zumindest gelegentlich verschwinden weitere Hindenburgplätze und -straßen aus dem Stadtbild, und das aus gutem Grund. Im letzten Teil unseres Porträts wird unter anderem an Theodor Lessing erinnert, der für seine ätzende Kritik den höchsten Preis zahlte. Es ist höchste Zeit, Hindenburg, seinen Gegnern und seinen Opfern einen angemessenen Platz in der bundesrepublikanischen Erinnerungskultur zu verschaffen.

Wer, aus welchen Gründen auch immer, will, dass Straßen weiterhin nach Hindenburg benannt sind, entehrt zugleich dessen Kritiker. Letztere sind zumeist vergessen oder vergessen gemacht worden. An ihre Einschätzungen, Haltungen und Prognosen zu erinnern ist im Sinne republikanischer Traditionspflege angemessener, als weiter an Hindenburg festzuhalten. So sah es schon der Kulturphilosoph Theodor Lessing. In den 1920er Jahren war er aushilfsweise an einem Gymnasium in Hannover als Lehrer tätig und erlebte, wie an einem Jahrestage der Schlacht von Tannenberg die Schüler, „Deutschland über alles“ singend, an Hindenburgs von der Stadt geschenktem Hause vorbeizogen. „Hindenburg“, so Lessing, „(wir standen Auge in Auge) sagte voll tiefsten Ernstes: ‚Deutschland liegt tief darnieder. Die herrlichen Zeiten des Kaisers und seiner Helden sind dahin. Aber die Kinder, die hier ›Deutschland über alles‹ singen, diese Kinder werden das alte Reich erneuern. Sie werden das Furchtbare, die Revolution, überwinden. Sie werden wiederkommen sehen die herrliche Zeit der großen siegreichen Kriege. Und Sie, meine Herren Lehrer, Sie haben die schöne Aufgabe, in diesem Sinne die Jugend zu erziehen (…). Und ihr, meine lieben Primaner, werdet siegreich, wie die Väter es waren, in Paris einziehen. Ich werde es nicht mehr erleben. Ich werde dann bei Gott sein. Aber vom Himmel herab werde ich auf euch niederblicken und werde mich an euren Taten freuen und euch segnen.‘ Es ist gewiss ergreifend und rührend“, fährt Lessing fort, „dass während des Weltkrieges eine der übelsten und bösesten Naturen der Weltgeschichte [gemeint ist Ludendorff, H.D.] diese einfältigste und treugläubigste seinem Ehrgeiz und seinem Machtwillen dienstbar machte, gedeckt von der Flagge der nationalen Ideale. Aber da zeigt sich auch die Gefahr! Nach Plato sollen die Philosophen Führer der Völker sein. Ein Philosoph würde mit Hindenburg nun eben nicht den Thronstuhl besteigen. Nur ein repräsentatives Symbol, ein Fragezeichen, ein Zero. Man kann sagen: besser ein Zero als ein Nero. Leider zeigt die Geschichte, dass hinter einem Zero immer ein künftiger Nero verborgen steht.“

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Terror gegen Kritiker

Lessing ist seine Voraussage, im Prager Tagblatt am 25. April 1925 als Glosse vor der Wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten publiziert, schlecht bekommen. Zunächst war Lessing, Dozent an der Technischen Hochschule Hannover, einer reichsweiten Schmähkampagne ausgesetzt. Aufgehetzte Studenten, aus allen Richtungen mit Sonderzügen nach Hannover gereist, störten Lessings Vorlesungen, riefen zu deren Boykott auf, verlangten, ihm die Lehrbefugnis zu entziehen und ihn aus der Universität zu entfernen. Hinter alldem sowie hinter der Gründung eines „Kampfausschusses gegen Lessing“ standen deutschnationale, völkische und antisemitische Kreise, die den verhassten Kulturkritiker, Pazifisten und Juden zur Strecke bringen wollten. Dabei fanden sie Unterstützung bei Lessings Professorenkollegen, die sich mit seinen Gegnern solidarisierten.

Auch nach seiner Beurlaubung im Wintersemester 1925/26 ging die Kampagne weiter. Am 7. Juni 1926 drohten an die tausend Studenten mit einem Wechsel an die Technische Universität in Braunschweig. Der preußische Kultusminister Carl Heinrich Becker und Lessing vereinbarten daraufhin, dass er fortan seine Lehrtätigkeit einstellte und bei reduzierten Bezügen einer unbefristeten Beurlaubung zustimmte. Damit gehörte Lessing zu den Geistesgrößen in Deutschland, die lange vor 1933 von der universitären Lehre ausgeschlossen wurden – ein Hinweis darauf, dass der verordnete „Auszug des Geistes“ nicht erst im „Dritten Reich“, sondern schon in der Weimarer Republik begann. Lessing blieb davon in seiner Gegnerschaft zu den Deutschvölkischen und Nazis unbeeindruckt, wirkte weiter als vielbeachteter Publizist, warnte immer wieder vor dem Bündnis von „Hakenkreuz und Stahlhelm“ und dessen Folgen für den Frieden in Europa und auf der Welt.

An Theodor Lessings schreckliches Ende erinnerte man sich in Hannover und anderenorts, abgesehen von den unmittelbaren Jahren nach 1945, in den Jahrzehnten danach nicht gern. Auch nicht an die Boykotthetze von 1924 bis 1926, die jeder in Hannover mitbekommen hatte. Fortan schloss man ihn aus der „Erinnerungskultur“ aus und tat so, als sei er nie existent gewesen. Die Nazis hingegen vergaßen ihn nicht. Im August 1933 reisten drei fanatisierte Deutsche nach Marienbad in der Tschechoslowakei, und einer von ihnen erschoss den dorthin emigrierten Lessing am 31. August 1933 durch ein Fenster seines Arbeitszimmers.

Es steht zu befürchten, dass die Hindenburgstraßen, obwohl es naheläge, nicht nach Theodor Lessing umbenannt werden. Zu sehr lasten auf der bundesrepublikanischen „Erinnerungskultur“, so sehr deren Vertreter das Gegenteil beschwören, weitverbreitete Haltungen, die sich aus Deutungsmustern speisen, die wenig zur Aufklärung über die wirklichen Ursachen von 1933 beitragen. Zudem folgen sie dem Regierungspostulat, die Deutschen hätten die Lektion aus der Geschichte gelernt. Sie befassen sich in der Regel vor allem und in erster Linie mit dem Terror des Nazisystems, dessen Bedingungen und Folgen und lehnen jedweden Zusammenhang von Erstem und Zweitem Weltkrieg ab. Ein Schicksal wie das von Lessing interessiert sie nicht. Auch Hindenburg ist ihnen weitgehend egal. Ihr Blickfeld ist durch die Fokussierung auf die Jahre von 1933 bis 1945 eingeengt und trägt objektiv dazu bei, Gegner der Entwicklung, die zu 1933 und allem, was danach geschah, führte, weiterhin dem Vergessen preiszugeben.

Stellvertretend für viele weitere „vergessene“ bzw. vergessen gemachte Kritiker Hindenburgs sei der Pazifist Hans Paasche genannt, der im Mai 1920 ein Opfer rechter Lynchjustiz wurde. Er betrachtete Hindenburg als Protagonisten des „Gehirnzustandes General“. Ludendorff und Hindenburg repräsentierten einen „Geisteszustand von Sklaven“ und symbolisierten die „Unfreiheit eines Volkes“. In seiner Flugschrift „Das verlorene Afrika“ (1919) mahnte Paasche weitsichtig: „Ehe das Volk nicht durchsetzt, dass alle Hindenburgstraßen in Eisnerstraßen umgetauft werden, und zeigt, dass es zwischen Gewalt und Geist unterscheiden kann, ist keine Hoffnung, dass Deutsche in die Welt hinausgehen dürfen. Dem freien Deutschland steht die Welt offen; den Knechten mag ihr Land zu einem Zuchthaus werden“. Offenbar gibt es in unserem Lande noch viele, die sich vom „Gehirnzustand General“ nicht lösen wollen oder können – und dazu gehören offenbar nicht nur Generale.

Helmut Donat (Bilder: Oben „Tag von Potsdam“, 21. März 1933, Bundesarchiv, Bild 183-S38324 / CC-BY-SA 3.0; Unten Theodor Lessing, Zeichnung von Emil Stumpp (c) Donat Verlag)

Zu Teil I geht es hier.
Zu Teil II geht es hier.


Literatur

Dieter Hoffmann: Der Skandal – Hindenburgs Entscheidung für Hitler, Bremen 2020.
Till Zimmermann/Nikolas Dörr: Gesichter des Bösen – Verbrechen und Verbrecher des 20. Jahrhunderts. Mit einem Geleitwort von Heribert Prantl, Bremen 2015.
Theodor Lessing: Wir machen nicht mit! Schriften gegen den Nationalismus und zur Judenfrage. Bremen 1997.
Hans Paasche: „Ändert Euren Sinn!“ Schriften eines Revolutionärs, Bremen 1992.