Hans Paasches „Lukanga Mukara“ und die Deutschen

Vor 100 Jahren wurde Hans Paasche, Marineoffizier, Pazifist, Lebensreformer und Schriftsteller, auf seinem Gut von rechten Reichswehrsoldaten ermordet. Vor allem sein Buch über die Reise eines fiktiven Afrikaners durch Deutschland wurde posthum zu einem Erfolg. Jetzt ist eine Neuauflage dieses seines bekanntesten Werkes erschienen, und der Verleger Helmut Donat hat sich einige Gedanken darüber gemacht, was Paasche und sein alter ego Lukanga Mukara wohl heute in Deutschland entdecken würden.

Teil I

In diesem Jahr ist eine ergänzte und verbesserte Neuauflage der „Briefe des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland“ erschienen. Daran haben vor allem jene Anteil, die anlässlich des 100. Todestages der Ermordung Hans Paasches am 21. Mai 2020 mitgeholfen haben, an ihn zu erinnern.1 Nicht zu vergessen jene vielen Menschen, die Lukanga Mukara, um den es in den letzten Jahren etwas still geworden ist, Einlass in ihre Gedankenwelt gewährt haben.

Bereiste Lukanga Mukara heute erneut Deutschland, was würde er seinem König in Afrika berichten? Dass die Deutschen, obwohl vom Kolonialismus seit 1919 „befreit“, nachdem sie zwei Weltkriege verursacht und unermessliches Leid über ihre „Feinde“ und schließlich über sich selbst gebracht haben, von ihrer tödlichen Krankheit, „Weltpolitik ohne Weltgewissen“ (Friedrich Wilhelm Foerster) zu machen, gesundet sind? Wir möchten hierauf nicht belehrend antworten, sondern zu Folgendem auffordern: Jeder entscheide für sich, welche Lehren aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust zu ziehen sind – und trage dann die Folgen für sich und für seine Kinder.

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Mag sein, dass die Frage manch einen Deutschen irritiert, aber sie ist keineswegs aus der Luft gegriffen. Über ein Jahrzehnt hinaus hat sich z. B. Deutschland an dem Krieg in Afghanistan beteiligt. Der Einsatz und der Tod deutscher Soldaten sind damit begründet worden, sie hätten am Hindukusch die Freiheit und deutsche Interessen verteidigt. Eine Zwecklüge, mit der die Vertreter solcher Behauptungen ihre macht- und militärpolitischen Aspirationen und Interessen kaschiert haben, wofür nicht sie, sondern andere mit ihrem Leben bezahlten. In einem beispiellosen Hauruckverfahren wurden ohne eine wirkliche öffentliche Debatte und gegen den Willen der großen Mehrheit der Deutschen Tatsachen geschaffen und ein Tabubruch herbeigeführt mit sehr weitreichenden Folgen. Die Haltung der Bundesregierung sowie der übergroßen Mehrheit der Bundestagsabgeordneten aus CDU/CSU, SPD, FDP und Bündnis 90/Die Grünen erinnern an jenes Machtstaatsdenken, das Albrecht von Roon, 1859-1874 preußischer Kriegsminister, im Februar 1862 folgendermaßen formulierte: Da Preußen, so seine Erklärung gegenüber Theodor von Bernhardi, Neffe Ludwig Tiecks und Vater des berühmt-berüchtigten Generals Friedrich von Bernhardi, unter den Großmächten ein Emporkömmling sei, habe es sich eben darum stets als verantwortungs- und kriegsbereit zu zeigen – und überall dort, wo es „Händel“ gebe, müsse Preußen dabei sein. Wenig anders redete die damalige Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, als sie zum „Tabubruch“ aufforderte und behauptete: „Wer sich raushält, hat keinen Einfluss.“ Woher weiß sie das? Und was meint sie eigentlich? Warum soll sich Deutschland nicht auf sich selbst und seine historische Erfahrungen besinnen und sich stattdessen erneut weltpolitisch einmischen? Und warum handeln viele Nachbarstaaten nicht in vergleichbarer Weise? Es geht darum, militärische Machtpolitik zu betreiben. Die Erfahrung des Völkermords muss dafür herhalten, Waffen in Kriegsgebiete zu exportieren sowie eine militärisch instrumentalisierte Außenpolitik durchzusetzen und zu legitimieren. Und man ist stolz darauf, eine „Parlamentsarmee“ zu haben.

Hans Paasche

Lukanga Mukara aber würde seinem König sagen: „Viele, sehr viele der Weißen haben verstanden, dass Gewalt und Krieg von Übel sind. Sie haben genug davon. Aber sie nehmen es hin. Ob sie mit ihren Waffen wirklich Frieden schaffen? Irgendwann ziehen sie ab, aber die Konflikte haben sie nicht gelöst. Sie meinen es gut, aber schließlich lassen sie uns allein – und wenden sich dem nächsten Einsatz zu.“

Etwas anderes würde Lukanga Mukara ebenfalls auffallen. Seit einigen Jahren herrscht in unserem Land eine große Ratlosigkeit. Gewalt und Hass, Ausländer- und Fremdenfeindlichkeit haben sich ausgebreitet. Es hat politische Morde gegeben, und die Menschen rätseln herum, welche Ursachen das hat – und finden keine Antwort darauf. Lukanga Mukara schreibt: „Ein Mann und Politiker sagte öffentlich, dass er neben einem schwarzen Fußballer nicht wohnen wolle. Kannst Du Dir vorstellen, gütiger König, dass man Dich hier nicht haben will, weil Du schwarz bist? Nein, Du kannst es nicht verstehen. Das eigentlich Schlimme ist, dass die Menschen es hier selbst nicht begreifen und nicht wissen, dass ihr Denken und Handeln von einem Geist geprägt ist, der schon ihre Vorfahren beherrscht hat. Lasse Dir bitte sagen: Das Volk, in dem ich auf Reisen bin, hat 80 Millionen Einwohner. Wegen der Kriege hat die Regierung etwa eine Million Flüchtlinge nicht an der Grenze zurückgewiesen, sondern ihnen die Einreise erlaubt. Eine gute und menschliche Tat. Und die Vorsitzende der Regierung hat erklärt, wenn man den verfolgten und entwurzelten Menschen nicht helfe, werde sie sich in ihrem Land nicht mehr wohl fühlen. Ich war erfreut und glaubte, die Weißen haben doch etwas dazu gelernt. Aber schon bald sind viele von ihnen wieder in ihre alte Mentalität zurückgefallen und malen seither eine Gefahr an die Wand, die es gar nicht gibt. Sie glauben wirklich, 1 Million Geflüchtete seien in der Lage, ihr Land zu zerstören. Du siehst also, dass ihr Selbstbewusstsein und ihr Vertrauen zu sich selbst nicht sehr groß sein können. Dabei geht es ihnen viel besser als jenen Menschen, die weltweit flüchten vor Krieg, Gewalt und Armut. Weil sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind, sehen sie nicht, dass immer mehr Menschen gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen. Bei uns gehen wir dank Deiner Weitsicht und Weisheit mit solchen Problemen anders um: Das Dorf nahe des großen Sees, aus dem ich stamme, zählt etwa achtzig Einwohner. Niemandem würde es einfallen, sich bedroht zu fühlen, wenn ein Fremder hinzukommt und sich dort eine Hütte baut. Wir rücken zusammen, und schon ist Platz für ihn da. Wir kümmern uns um ihn, helfen ihm, seine schrecklichen Erfahrungen zu überwinden, sich bei uns wohl zu fühlen und ein neues Leben zu beginnen. Hier aber reagieren viele Weiße ganz anders. Ohne die Geflüchteten zu kennen und mit ihnen gesprochen zu haben, betrachten sie die Neuankömmlinge als ‚Eindringliche‘, ja als ‚Feinde‘ – so als hätten sie keine Ehrfurcht vor Menschen mit anderer Hautfarbe, einer anderen Religion und mit anderen Gewohnheiten und Sitten. Ihre Klagen über sich selbst sind so laut, dass sie den Aufschrei der Geflüchteten über ihr Leid und ihre Not übertönen und es ihnen fremd bleibt. Es hat schon Hetzjagden auf Emigranten gegeben und Morde. Es ist von ‚Umvolkung‘ die Rede. Es liegt ein Fluch über diesem Land. Wie vor über hundert Jahren fürchten sie, unterzugehen und ihre Kultur zu verlieren. Sie empfinden sich als Opfer und glauben fest daran, dass ihr Selbstmitleid etwas Bemerkenswertes und Gutes ist. Dabei haben ihre Vorfahren doch alles getan, um aus dem Land, das einst große Dichter, Musiker und Denker hervorgebracht hat, ein Land von Barbaren und von Richtern und Henkern zu machen. Weiser König, ich habe sie jetzt lange beobachtet und mit vielen gesprochen. Sie sind zu bedauern, weil sie nicht merken, dass sie wie Irrlichter nach einem festen Halt suchen. Es fällt ihnen schwer, sich selbst zu erkennen – und manchmal habe ich den Eindruck, sie tun alles, um vor sich wegzulaufen und nicht in den eigenen Spiegel schauen zu müssen. Viele glauben immer noch, besser und höher stehend zu sein als alle anderen auf dieser Welt. Sie sehen nicht, dass sie Teil einer großen Völkerfamilie sind. Sie halten sich für den Nabel der Welt. Dabei wetteifern sie miteinander, wer am Deutschesten von ihnen ist. Sie nennen das ‚Leitkultur‘. Sie erkennen nicht, dass es vor allem darauf ankommt, ein guter Mensch zu sein, und sich zu fragen, wie man selber besser werden kann, anstatt anderen das Leben schwer zu machen.“

Helmut Donat (Bilder: Archiv Donat, unten; Hans Paasche, ca. 1914)


Anmerkung 1:  Helmut Donat, Der Mord an Hans Paasche vor 100 Jahren. In: Das Blättchen. Zweiwochenschrift für Kunst, Politik und Wirtschaft, 23. Jg., Nr. 10, S. 23 ff., 11.5.2020. Werner Lange, „Ich ging zu den Löwen im hohen Grase…“. In: Ossietzky, 23. Jg., Nr. 10, S. 347-352, 16.5.2020. Helmut Donat, Rebell in Uniform. In: DIE ZEIT, Nr. 22, S. 17, 20.5.2020. Nachdruck in: SEEMOZ. Lesenswertes aus Kultur und Politik für den Bodenseeraum und das befreundete Ausland, 18.6.2020. Ebenso in: Heimat am Meer. Beilage zur Wilhelmshavener Zeitung, 4.7.2020. Ders., „Afrika den Afrikanern!“ – Bemerkungen zu Hans Paasches fiktiven Bericht „Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland“. In: junge Welt, Nr. 117, S. 13, 20./21.5.2020. H. Donat, Hans Paasche: Deutschlands „erster Grüner“. In: The European. Das Debatten-Magazin, 21.5.2020. Ders., Hans Paasche – Seeoffizier, Revolutionär und Friedensfreund. Ermordung vor 100 Jahren. In: FOLKmagazin, Nr. 3/2020, S. 22. Geert Platner, „Wieder einer“ – Vor 100 Jahren wurde der pazifistische Offizier und Schriftsteller Hans Paasche ermordet. In: junge Welt, Nr. 117, S. 12, 20./21.5.2020. Reinhard Goltz, Lukanga Mukara auf Platt – Aus dem Nachwort des Übersetzers. In: Ebd., S. 13. Alexander Bahar, Der Pazifist – Vor 100 Jahren starb der Schriftsteller Hans Paasche. In: Neues Deutschland, 24.5.2020 (Zu dem Artikel von A. Bahar ist allerdings kritisch anzumerken, dass er Paasche als Anhänger der KPD beschreibt und zu vereinnahmen sucht. Wohl ist Paasche nach den Morden an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht offenbar demonstrativ einer KPD-Ortsgruppe beigetreten, doch brachte er damit lediglich zum Ausdruck, ungeachtet aller Differenzen zu der Partei auf der Seite der Ermordeten zu stehen. Mit der Programmatik der Partei stimmte er nicht überein, und so wirkt es unerfreulich bis ärgerlich, wenn A. Bahar solche Haltung nahelegen legen will.). Heribert Prantl, Forschungsreise ins innerste Deutschland. In: Prantls Blick – die politische Wochenschau, 24.5.2020. Manfred Keiper, Blick von außen – Eine Forschungsreise ins innerste Deutschland. In: LESART – Unabhängiges Journal für Literatur, 27. Jg., Nr. 2/2020, S. 82. Der vorliegende Beitrag greift zurück auf Texte der deutschen Pazifisten Magnus Schwantje (1877-1959), Oskar Stillich (1872-1945) und Hans Paasche (1881-1920).