Hans Paasches „Lukanga Mukara“ und die Deutschen

Vor 100 Jahren wurde Hans Paasche, Marineoffizier, Pazifist, Lebensreformer und Schriftsteller, auf seinem Gut von rechten Reichswehrsoldaten ermordet. Vor allem sein Buch über die Reise eines fiktiven Afrikaners durch Deutschland wurde posthum zu einem Erfolg. Jetzt ist eine Neuauflage dieses seines bekanntesten Werkes erschienen, und der Verleger Helmut Donat hat sich einige Gedanken darüber gemacht, was Paasche und sein alter ego Lukanga Mukara wohl heute in Deutschland entdecken würden.

Teil II [Teil I, Teil III]

Wenig später berichtet Lukanga Mukara seinem König noch von einem weiteren erstaunlichen Phänomen. Wie in anderen Teilen der Welt breitete sich auch hier ein neuartiges Virus aus, gegen das es keine Medizin gibt. Wegen der hohen Ansteckungsgefahr und der tödlichen Bedrohung habe die Regierung Maßnahmen ergriffen, um die Krankheit einzudämmen und einen Zusammenbruch des Gesundheitssystems zu verhindern. Doch viele sehen die Verbote, sich zu versammeln oder sich anderen Auflagen unterzuordnen, als Freiheitsberaubung an. Sie fühlen sich fremdbestimmt und sind überzeugt, dass man ein diktatorisches Regime errichten wolle, um ihre Grundrechte besser zu beschneiden. Sie erklären, das Virus sei eine Erfindung feindlicher Mächte, und alle, die vor ihm warnten und Schutzmaßnahmen anordneten, stünden in deren Diensten, hätten sich gegen alle rechtschaffenen Menschen verschworen, um diese zu entmündigen und deren Leben zu bestimmen. Manche behaupten sogar, hinter alledem steckten jüdische Pharmakonzerne, die das Virus in die Welt gebracht hätten, um die Bevölkerung zu verkleinern. Vor allem seien die Juden für das Virus verantwortlich, und das gäbe ihnen das Recht, sie zu bekämpfen. Nicht nur einfache Gemüter, selbst studierte Leute verträten solchen Unsinn und trügen so zur Verwirrung und Verunsicherung bei. Der Erfindungsreichtum all jener, die auf der Suche nach einem Sündenbock seien, kenne keine Grenzen und mache nicht vor den dümmsten Erklärungen halt. „Mukama, Du bist der größte aller Könige. Du wirst Dir kaum vorstellen können, wie viele Menschen hier glauben, durch ihre rohe Gesinnung gegen andere eigene Fehler wieder gutmachen zu können. Daraus leiten sie inzwischen ein gewisses Vorrecht ab, gegen alles zu protestieren, was ihnen nicht genehm ist. Gebildete Männer warnen seit langem davor, dass die Gewalt nun in der Mitte der Gesellschaft angekommen sei. Ich glaube ihnen nicht. Über Nacht soll die Gewaltmentalität nach 1945 verschwunden sein? Wie soll das gegangen sein? Sie tun so, als sei in deutschen Landen nach dem Zweiten Weltkrieg alles getan worden, um das Volk über die Schlechtigkeiten seiner Führer und über sich selbst aufzuklären. Und sie tun des Weiteren so, als sei das, was den Antisemitismus ausmacht, seit langem überwunden. Aber die sogenannte ‚Entnazifizierung‘ ist missglückt und hat nicht mit dem judenfeindlichen Gedankengut aufgeräumt. Statt ihm den Garaus zu machen, lebte es in vielen Köpfen weiter. Und wie heute trugen jene, die 1948 für einen ‚Schlussstrich drunter!‘ die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit eintraten, Slogans wie ‚Entrechtung‘, ‚Entmündigung‘, ‚Staatsbürger 2. Klasse‘ oder ‚Staatsbürgerliche Gleichberechtigung‘ vor sich her. Ich habe einmal vor vielen Jahren in Berlin einen Gelehrten kennengelernt, der sich intensiv mit dem deutschvölkischen Denken, so bezeichnet man es wohl am besten, beschäftigt hat. Er sagte mir Folgendes: ‚Eine gute Erklärung für die Formel: Die Juden sind an allem schuld, was nicht sein soll, selbst da, wo kein einziger von ihnen im Spiele ist, hat Michael Müller-Claudius in seinem tiefsinnigen Buch über ‚Deutsche Rassenangst‘ gegeben.

Er geht vom Symbolismus aus. Der Jude ist Schuld am Heilandstod, er ist das Symbol des Christusmörders. Dieses Symbol erweckt den Hass gegen ihn. Daher seine Ächtung. Hier liegt der historische Grund des Antisemitismus. Und von dieser religiösen, christlich-kirchlichen Symbolik, die früher alleinherrschend war, hat sich das Denken heute zur völkischen Symbolik gewandelt. Der Jude ist das Symbol des Fremden. Das Fremde ist das Unwerte. Es ist Schuld- und Unheilbringer. Es figuriert als verfemter Symbolträger. Dieses Symbolurteil ist souverän. Es bedarf nicht der Erfahrung.‘ Der Gelehrte gab mir ein Beispiel. Es ging um die Bemühungen zwischen Frankreich und Deutschland, nach dem Ersten Weltkrieg zu einer Verständigung zu kommen. Die Gespräche fanden in Locarno statt. Dazu gehörte die Anerkennung der französischen Ostgrenze durch die deutsche Republik, was auf erheblichen Widerstand stieß. Hier also das Beispiel des Gelehrten: ‚Als die Verhandlungen von Locarno schwebten, wurde bekanntlich ihr Ziel in Kreisen lebhaften Nationalbewusstseins als verderblich und entwürdigend, als ein ‚zweites Versailles’* und ein sklavisch-freiwilliges Sich-Ketten-Lassen betrachtet. Konnte man sich mit zuversichtlichem und stolzem Gefühl einen Deutschen nennen, wenn der deutsche Wille sich so sklavisch zeigte? Man konnte diese Zuversicht und diesen Stolz nur retten, wenn man das Werk von Locarno schlechthin als undeutsches Werk ansah. Und allenthalben ging die Formel um: Locarno ist wieder das Werk der Juden. Ich habe diese Schuldübertragungsformel aus dem Munde durchaus vornehmer, innig deutschfühlender Männer gehört, die mit verzehrender Sorge das Schicksal ihres Landes sehen und begleiten. Ich entgegne: Aber bitte, Reichskanzler Hans Luther und Außenminister Gustav Stresemann sind schließlich keine Juden, und vom kleinsten Stenotypisten bis zum Kanzler ist kein einziges Mitglied der Kommission in Locarno jüdisch?! Man hebt die Augenbrauen: Eben dies, eben dies ist ja gerade das Furchtbare. Sie selbst bleiben natürlich unsichtbar. Sie schieben alles hinter den Kulissen – durch geheime Organe – und aus geheimen Gründen, die sie keinem Deutschen verraten und die nur ihren geheimen Führern bekannt sind.‘ Man sollte meinen, die Tatsache, dass kein Jude bei den Verhandlungen dabei war, würde die obige Behauptung Lügen strafen. Aber die Erfahrung wird durch das Symbolurteil umgewertet, so dass sie nicht widerlegt, sondern bestätigt wird. Das Symbol ist es, das den Juden allgemein zum Schuldträger stempelt und ihn auch da verantwortlich macht, wo er gar nichts mit einer Sache zu tun hat. Es kann nicht zweifelhaft sein, dass diese symbolische Erklärung des Antisemitismus viel für sich hat, wenn sie auch meines Zeichens nicht restlos genügt, um das ganze Phänomen zu erklären.“

Verwundert zeigt sich Lukanga Mukara auch über die neue Diskussion über die Zustände in der Fleischindustrie, die Schweinemast und den Umgang mit den Tieren. Längst wusste der König vom Fleischessen der Deutschen und wie ungesund sie sich ernährten. Um es billig anzubieten und auf dem Markt eine beherrschende Rolle zu spielen, werben sie Arbeiter aus osteuropäischen Ländern an, denen sie wenig bezahlen und die sie miserabel unterbringen. Sie behandeln die Menschen wie Sklaven, beuten sie aus und pferchen sie in Räumen ein, in denen es kaum mehr als ein Bett, einen Tisch und Stuhl gibt. Sie hausen mit sechs Mann in einem kleinen Zimmer. Es stehen nur wenige Waschgelegenheiten und Toiletten zur Verfügung. Manche Häuser, in denen man die Fleischarbeiter untergebracht hat, sind verschimmelt und schaden ihrer Gesundheit. So bringt die Krise an den Tag, was seit langem im Argen liegt.

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„Du fragst, warum lassen sich die Fleischarbeiter das gefallen? Nun, ihre Armut ist so groß, dass sie es hinnehmen, erniedrigt zu werden. Damit man es nicht sieht oder anfängt, darüber zu sprechen, hält man sie so weit wie möglich von der Bevölkerung fern. Aber sie dürfen in den Geschäften etwas einkaufen. Glimmstengel zum Rauchstinken, Wodka zur Benebelung der Sinne und andere unnütze Dinge. Der Grund dafür ist einfach. So bleibt das von ihnen verdiente Geld im Land und bringt den Eingeborenen, wie sie es nennen, „wirtschaftlichen Nutzen“. Sie haben daran eine geradezu kindische Freude, fühlen sich überaus wohl dabei und merken gar nicht, dass sie sich auf Kosten von in Not geratenen Menschen bereichern. Hauptsache: Das Fleisch ist billig, und es wird viel und oft davon gekaut und hinuntergeschluckt. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie es in den Schlachthöfen zugeht. Alles ist genau organisiert: das Töten der Tiere, ihr Zersägen und Zerlegen, das Zerstückeln von Schweinehälften in große und kleine Stücke: Koteletts und Schnitzel im Akkord und in großen Massen. Alles geschieht auf engstem Raum und muss schnell gehen. Der Lärm der Maschinen ist beträchtlich, die Luft vom Schweiß getränkt und vom Geruch der toten Tiere durchdrungen. Messer blitzen, Schlachtereimer, mit Abfällen gefüllt, gehen von Hand zu Hand. Selbst die Reste werden verwertet. Um die Menschen auch in der Virus-Krise mit viel Fleisch zu versorgen, hat man die Produktion gesteigert, aber die Hygieneauflagen und Sicherheitsbestimmungen missachtet. In manchen Schlachthöfen bringt man mehr als 30.000 Tiere an nur einem Tag um. Die Gewohnheit, Nahrung zu essen, die sich dem Schlachten von Tieren verdankt, stumpft den Abscheu vor dem Gemetzel in den Schlachthöfen ab. Wenn die Menschen täglich blutige, zerschnittene, enthäutete, ausgeweidete Tierleichen in den Fleischerläden sehen, gewöhnen sie sich daran, Teile dieser in einem feinfühligen Menschen Ekel erregende Leichenteile in den Mund zu nehmen. Der tägliche Massen-Tiermord ist eine Rohheit, die sich tief eingebrannt hat in das menschliche Dasein. Wer an den grauenhaften Leiden der Tiere in überfüllten Ställen und der ihnen aufgezwungenen unnatürlichen Lebensweise achtlos vorübergeht – oder gar sich selbst an den schändlichen Tierquälereien beteiligt, darf sich nicht beklagen, wenn er selber einmal so behandelt wird, wie er mit den Tieren umgeht oder er es zulässt. Neulich las ich, was der berühmte französische Schriftsteller Romain Rolland dazu schon vor über 100 Jahren gesagt hat. Er schreibt: ‚Die Grausamkeit gegen die Tiere, und auch schon die Teilnahmslosigkeit gegenüber ihren Leiden ist meiner Ansicht nach eine der schwersten Sünden des Menschengeschlechtes. Sie ist die Grundlage der menschlichen Verderbtheit. Wenn der Mensch so viel Leiden schafft, welches Recht hat er dann, sich zu beklagen, wenn auch er selber leidet?‘ Viele Arbeiter haben sich in den Fleischfabriken mit dem Corona-Virus infiziert. Da sie nur ein paar Brocken Deutsch können, verstehen sie nicht, was geschehen ist. Jetzt stehen sie unter Quarantäne. Da man nicht weiß, ob sie schon Deutsche angesteckt haben, hat die Regierung über das Gebiet einen ‚Lockdown‘ verhängt, um Schlimmeres und eine Ausbreitung des Virus zu verhüten. Die Unruhe ist groß, aber auch die Wut. Alle Ferienpläne sind dahin. Niemand will sie in ganz Deutschland noch als Gäste haben, es sei denn, sie weisen durch einen Test nach, nicht vom Virus befallen zu sein. Man streitet sich darüber, wer die Schuld daran hat. Die ‚Fremdarbeiter‘, der Fleischfabrikant, die Regierung oder irgendwelche Mächte, die hinter dem allen stehen? Das ist Wasser auf die Mühlen jener Leute, die von ‚Umvolkung‘ reden und das Gespenst an die Wand malen, die ‚Asylanten‘ und Einwanderer bedrohten den Bestand und die Zukunft des deutschen Volkes. In den Köpfen geht es sehr drunter und drüber. In der Tat gibt es eine ganze Menge von Dingen, die man hätte besser machen können, und manches ist sicher nicht gerecht gewesen. So durfte man über viele Wochen hinweg, alte und hilflose Menschen in Heimen nicht besuchen. Sie verloren, weil sie ihre Verwandten nicht mehr sahen und sie sich nicht mehr um sie kümmern durften, ihre Orientierung und wurden noch hilfloser und kränker. Aber das ist nur die eine Seite des Problems. Die Alters- und Pflegeheime sind nicht hinreichend ausgestattet und verfügen nicht über das Personal, das notwendig ist, um die gewohnten Kontakte zu ersetzen oder sich überhaupt den Alten und Bedürftigen fürsorglich, verständnis- und liebevoll zu widmen. Auch ist das Gesundheitssystem in den letzten zwanzig Jahren nach betriebswirtschaftlichen Effizienzkriterien reorganisiert worden. Das hat zu einer drastischen Zunahme privater Träger von Krankenhäusern geführt, während die öffentlichen Einrichtungen um fast 20 Prozent zurückgegangen sind. Obwohl die Zahl der Patienten steil angestiegen ist, hat es bei den in Krankenhäusern Beschäftigten seit Jahrzehnten kaum einen Zuwachs gegeben. Der Bettenbestand ist drastisch zurückgegangen. Obwohl seit 2012/2013 vor gefährlichen Pandemien gewarnt worden ist, hat man nichts getan, um für einen solchen Fall Vorbereitungen zu treffen. Bereits ohne die Krise waren also die Versorgung in den Heimen sowie die Lage in den Krankenhäusern und anderen Gesundheitsbereichen nicht optimal und kritisch. Viele der Missstände sind jetzt auch hier unübersehbar geworden und offenbaren, dass man gegen seit langem bekannte Mängel nichts unternommen, sondern sich mit ihnen nur unzureichend befasst und sie vernachlässigt hat.

Helmut Donat (Bilder: Archiv Donat, oben: Plakat der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) gegen den 1925 geschlossenen Locarnovertrag aus dem Jahr 1928 mit Anspielung auf Soldaten aus den französischen Kolonien als Vergewaltiger)


* Ich muss Dir, Mukama, Folgendes erläutern: Sehr viele Deutsche hielten den Friedensvertrag von Versailles für einen Racheakt der Sieger, der ihnen ungeheure Zahlungen auferlegt haben soll. Selbst heute denken noch viele so. Dabei war der Vertrag viel weniger hart, als es ein deutscher Friede gewesen wäre, den das Kaiserreich im Falle eines Sieges den Gegnern aufgebürdet hätte.