Stolpersteinverlegungen in Konstanz

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Datum/Zeit
Date(s) – 21.10.2021
10:00 – 12:30

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Verlegungen:
10.00 Uhr, Bodanstrasse 25: Irma Bahl (Jüdin)
Irma Bahl wurde am 09.05.1888 in Krakau (damals österr. Kronland Galizien) geboren. Ihre Eltern waren assimilierte Juden und sie wurde evangelisch getauft. Ihre Kindheit verbrachte Irma Bahl in Breslau und Zürich. 1918 heiratete sie den Opernsänger Konrad Bahl. Ab April 1935 wohnte Irma Bahl in Konstanz. Wegen Devisenvergehens und Fälschung des Schweizer Reisepasses ihrer verstorbenen Mutter wurde sie am 06.09.1939 zu 15 Monaten Gefängnis verurteilt. Nach Verbüßung ihrer Haftstrafe im Frauengefängnis Gotteszell (bei Schwäbisch Gmünd) zog sie im Dezember 1940 nach Berlin. Am 02.03.1943 wurde Irma Bahl mit dem 32. Osttransport von Berlin-Moabit nach Auschwitz deportiert.
Irma Bahl wurde am 03.03.1943 in Auschwitz ermordet.

10.15 Uhr, Neugasse 36: Erhard Weißhaupt (politisch)
Erhard Weißhaupt wurde am 23.02.1908 in Hausen am Andelsbach im heutigen Landkreis Sigmaringen geboren. Von Beruf war er Schuhmacher. Nach längerer Arbeitslosigkeit trat er 1932 in die KPD ein. Wegen Teilnahme an einer verbotenen Demonstration wurde Erhard Weißhaupt 1932 zu 8 Monaten Gefängnis verurteilt. Weitere Verhaftungen wegen kommunistischer Äußerungen erfolgten 1935 und 1936. Am 20.08.1938 wurde er erneut verhaftet und in das KZ Buchenwald eingeliefert. Er hatte die Funktion eines Kapos inne und war in verschiedenen Außenlagern zu Zwangsarbeiten eingesetzt. Erhard Weißhaupt wurde am 26.06.1942 im Außenlager Quedlinburg ermordet.

10.40 Uhr, Marktstätte 19: Ivan Leib (Jude)
Ivan Leib wurde am 12.09.1878 in Emmishofen/Thurgau geboren. Er war ein erfolgreicher Geschäftsmann, der ein Hemdenfachgeschäft im Zentrum der Stadt hatte. Ivan Leib hatte drei Kinder, die in den 30er Jahren in die USA bzw. England emigriert sind. Nach dem Boykott jüdischer Geschäfte am 01.04.1933 verlegte er 1934 seinen Wohnsitz nach Kreuzlingen. 1935 verkaufte sein Haus in Konstanz an Schweizer Staatsbürger. Anfang Januar 1939 emigrierte er mit seiner Frau Hedwig in die USA. 1941 wurde er amerikanischer Staatsbürger.
Ivan Leib starb am 13.11.1958 in New York.

Hedwig Leib (Jüdin)
Hedwig Leib wurde am 01.12.1883 in Zürich geboren. Im Oktober 1908 heiratete sie Ivan Leib. Sie hatte drei Kinder, die in den 30er Jahren in die USA bzw. England emigriert sind. Hedwig Leib war Mitbegründerin der Konstanzer/Kreuzlinger Gruppe der Anthroposophie. Anfang Januar 1939 emigrierte sie mit ihrem Mann in die USA. Im Oktober 1941 wurde Hedwig Leib die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt und am 18.12.1944 wurde sie amerikanische Staatsbürgerin.
Hedwig Leib starb am 27.08.1965 in New York. Ihre Urne wurde im Gedenkhain des Goetheanums in Dornach/Schweiz beigesetzt.

Hanna Leib (Jüdin)
Hanna Leib wurde am 08.11.1916 in Konstanz geboren. Von Beruf war sie Säuglings-Krankenschwester. 1937 emigrierte sie über St. Gallen nach London. 1940/1941 war sie als „feindliche Ausländerin“ („enemy alien“) im Rushen Camp auf der Kanalinsel Isle of Man interniert; danach lebte sie in London. Nach dem Krieg zog Hanna Leib zu ihren Eltern nach New York. Am 14.03.1949 wurde auch sie amerikanische Staatsbürgerin. Am 01.12.1950 heiratete Hanna Leib in New York Henry Dreifuss, der 1936 aus Hochheim am Main in die USA emigriert war. Das Ehepaar hatte eine Tochter. Hanna Dreifuss war wie ihre Mutter Hedwig Leib Anthroposophin.
Hanna Dreifuss starb am 24.07.2010 in Torrance/Kalifornien.

Ida Leib (Jüdin)
Ida Leib wurde am 14.02.1912 in Konstanz geboren. Nach einer Ausbildung zur Krankenschwester in Stuttgart eröffnete sie in Konstanz eine Praxis für Krankengymnastik. Nach 1933 musste sie ihre Praxis schließen. Nach einem kurzen Aufenthalt in England 1933/34 emigrierte Ida Leib im November 1935 in die USA. Am 27.11.1935 heiratete sie in New York den ebenfalls aus Konstanz stammenden Kurt Julius Spiegel. 1939 wurde Ida Spiegel amerikanische Staatsbürgerin. Das Paar hatte zwei Töchter. Ihr Mann stellte zahlreichen Juden das begehrte Affidavit aus, eine Bürgschaft, die für Einreise in die USA notwendig war. Anfang September 1968 übersiedelte Ida Spiegel mit ihrem Mann nach Kreuzlingen. Ihr Mann starb am 14.07.1979.
Ida Spiegel starb am 29.01.2001 in Kreuzlingen.

Otto Leib (Jude)
Otto Siegfried Leib wurde am 05.08.1909 in Kreuzlingen geboren. Seine Lehrer an der Zeppelin-Oberrealschule in Konstanz beschrieben ihn „als Träumer ohne religiöses Bedürfnis“. Er war ein begeisterter Wassersportler. Nach einer kaufmännischen Lehre in Nürnberg, Bochum und Augsburg emigrierte Otto Leib 1933 über die Schweiz, Österreich und die Tschechoslowakei nach Palästina. Am 02.06.1935 heirate er Irma, geb. Rothschild. Als liberaler Jude sah Otto Leib im damals orthodox-jüdischen Palästina keine Zukunft für sich und seine Frau. 1937 übersiedelte er in die USA. In den USA arbeitete er als Schweißer. Otto Leib war mit Leib und Seele Amerikaner, hing aber mit inniger Liebe auch an seiner Heimatstadt Konstanz. Nach dem Krieg war er elfmal zu Besuch in Konstanz.
Otto Leib starb am 15.07.1988 in New Milford, New Jersey. Seinen Grabstein ziert die amerikanische Flagge.

11.05 Uhr, Seestr. 29: Renée Stein (Jüdin)
Renée Stein wurde am 10.01.1923 als einziges Kind der Eheleute Oskar und Seraphine Stein, geb. Turnschein in Wien geboren und lebte bis zum frühen Tod ihres Vaters 1935 in Graz. In Wien begann sie eine Ausbildung an einer Gartenbauschule, die sie als Jüdin ab April 1938 abbrechen musste. Im Mai 1938 wurde sie von ihrer Mutter zur befreundeten Familie Stux nach Konstanz geschickt, die sie wie eine Tochter aufnahm. Geneinsam mit dem Ehepaar Stux wurde sie am 22.10.1940 nach Gurs deportiert und von dort im März 1941 nach Rivesaltes. Im Juni 1942 gelang es einer jüdischen Hilfsorganisation sie aus dem Lager zu retten, danach lebte sie in häufig wechselnden Verstecken. Anfang 1944 gelangt sie nach Lyon, wo sie auch für die Résistance aktiv war. Nach Kriegsende blieb sie in Lyon und lernte hier ihren späteren Mann Gustav Albert kennen, mit dem sie zwei Kinder hatte.
Renée Stein starb 2016 in Lyon im Alter von 95 Jahren.

11.30 Uhr, Neuhauserstr. 31: Agnes Endres (Euthanasie)
Agnes Endres, geb. Schott, wurde am 31.01.1894 in Konstanz geboren. 1922 heiratete sie Professor Karl Endres und am 12.04.1923 kam ihre gemeinsame Tochter Hildegard zur Welt. Als ihr Mann 11 Jahre später am 30.03.1934 Selbstmord beging, veränderte sich ihr Leben völlig. Sich widersprechende Aussagen und Gutachten, ihre Geschäftsfähigkeit betreffend, führten am 05.02.1935 zu ihrer Entmündigung. Gemeinsam mit ihrer knapp 12jährigen Tochter Hildegard wurde sie unter Vormundschaft gestellt und ein halbes Jahr später wurde Agnes Endres am 06.08.1935 Patientin der Heil- und Pflegeanstalt Reichenau. Die Diagnose lautete Schizophrenie. Eineinhalb Jahre vor der Einweisung trat am 01.01.1934 das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ in Kraft. Darauf basierend wurde von der Anstaltsleitung der Antrag zur „Unfruchtbarmachung“ gestellt. Bereits am 16.12.1935 erfolgt eine nichtöffentliche Sitzung des Erbgesundheitsgerichts beim Amtsgericht Konstanz bei dem u.a. genau der Amtsarzt Dr. Rechberg mitwirkte, der eineinhalb Jahre zuvor das Gutachten schrieb, das zu ihrer Entmündigung führte. Als Leiter des Gesundheitsamts Konstanz war er für über 1 000 Zwangssterilisationen verantwortlich. Agnes Endres wurde am 09.01.1936 in der städtischen Frauenklinik in Konstanz zwangssterilisiert. Sie verblieb weiterhin, mit kurzer Unterbrechung, in der Heil- und Pflegeanstalt Reichenau und geriet deshalb in das Tötungsprogramm der sogenannten Aktion T4: Ihre Ermordung wurde auf den 28.11.40 festgesetzt. Nur durch einen unglaublichen Zufall wurde ihr Name von der Transportliste gestrichen und sie wurde Anfang 1941 plötzlich entlassen.
Ab 1941 lebte Agnes Endres an wechselnden Wohnorten in Konstanz und starb am 27.12.1961 in Duisburg.

11.50 Uhr, Beyerlestr. 27: Adolf Probst (politisch)
– Ein ausführlicher Seemoz-Artikel zur Biografie von Adolf Probst findet sich hier
Adolf Probst wurde am 08.10.1904 in Müllheim/Baden geboren. Er hatte eine schwierige Kindheit. Von August 1924 bis 1929 war er in der Fremdenlegion. Ab Juli 1931 war er bei der Schlossschule Salem in Spetzgart als Gärtner beschäftigt. Im Mai 1933 trat Adolf Probst der KPD bei. Ab August 1933 wohnte er in Konstanz. 1935 wurde Adolf Probst zweimal wegen kommunistischer Betätigung verurteilt. Ab Mai 1937 kämpfte er im spanischen Bürgerkrieg im Thälmann- Bataillon in der XI. Internationalen Brigade. Nach dem Sieg der Franco-Faschisten floh Adolf Probst nach Frankreich und wurde in verschiedenen Lagern interniert. Nach seiner Flucht in die sogenannte Freie Zone (Vichy-Frankreich) wurde er von den Franzosen an die Deutschen ausgeliefert. Am 02.01.1942 wurde er in Berlin vom Volksgerichtshof wegen seiner Teilnahme auf der Seite der Kommunisten im spanischen Bürgerkrieg zu 3 Jahren Zuchthaus verurteilt. Bis zu seiner Befreiung durch amerikanische Truppen am 29.3.1945 war er im KZ Dachau inhaftiert. Nach dem Krieg gründete er in Dillingen eine Firma für Gartenbedarf.
Adolf Probst starb am 07.09.1989 in Heidenheim/Brenz.

12.10 Uhr, Mainaustraße 158: Otto Emil Weltin (Euthanasie)
Otto Emil Weltin wurde am 10.03.1903 als zweites von drei Kindern geboren. Als Kind war er sehr nervös und ängstlich, jedoch sehr musikalisch. Er war deshalb nicht für die Nachfolge des väterlichen Metzgereibetriebes geeignet. Otto Emil Weltin besuchte die Oberrealschule in Konstanz und wechselte mit 16 Jahren auf das Lehrerseminar nach Meersburg und schloss seine theoretische Ausbildung mit 19 Jahren ab. Im Kloster Beuron wurde er im Orgelspiel unterrichtet und auf Empfehlung des Abtes wurde er seines Dienstes enthoben, um sich auf die Musiklehrerprüfung vorzubereiten. Am 01.10.1926 ging er zur Ausbildung als Musiklehrer auf das Konservatorium nach Karlsruhe. Dort fiel er durch sein Verhalten immer mehr auf, so dass ihn seine Mutter im Juni 1927 nach Konstanz zurückholte. In der Heil- und Pflegeanstalt Reichenau wurde die Diagnose Schizophrenie gestellt und er wurde mit einer äußerst fragwürdigen Fiebertherapie behandelt und in die Heilanstalt Rottenmünster verlegt. In den Jahren 1934-36 lebte er wieder zu Hause bei seinen Eltern. Von zwei Ärzten aus Konstanz und Rottenmünster wurde der Antrag zur „Unfruchtbarmachung“ gestellt. Otto Emil Weltin verweigerte die Operation und seine Eltern versuchten alles um diesen Eingriff zu verhindern. Jedoch bestand Amtsarzt Dr. Rechberg mittels Polizeigewalt auf diesem Eingriff, der am 31.08.1934 im Konstanzer Krankenhaus durchgeführt wurde. Da sich sein Gesundheitszustand weiter verschlechterte, wurde er ab dem 14.11.1936 erneut in der Heil- und Pflegeanstalt Reichenau und ab Februar 1941 in der Heil- und Pflegeanstalt Emmendingen untergebracht. Ziel der Verlegung nach Emmendingen war es, Otto Emil Weltin möglichst weit entfernt vom Wohnort unterzubringen, um Besuche zu unterbinden. Durch extrem kärgliche Kost ließ man die Patienten gezielt Verhungern. Auf diese Weise wurde auch Otto Emil Weltin ermordet. Im Krankenblatt ist am 03.06.1944 als letzter Eintrag nur noch vermerkt „Exitus 18.40 Uhr“.

Initiative „Stolpersteine für Konstanz – Gegen Vergessen und Intoleranz“

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