Nachrichten von der Kulturfront

Während die Kultur in Deutschland darniederliegt, geht der Kulturbetrieb in der nahen Schweiz – mit einigen Einschränkungen – weiter. Wer Lust auf leibhaftige zeitgenössische Musik oder eine ausgefallene Ausstellung hat, braucht also nur über die Grenze zu reisen, um sich im befreundeten Ausland seinen bevorzugten Kunstgenüssen hinzugeben. Es ist trotz der finsteren Zeiten einiges geboten – von delikater Spektralmusik bis hin zu schaurigen Truppenübungsplätzen als Bühnenbildern des Krieges.

„Nun siegt mal schön!“ soll sich der damalige Bundespräsident Theodor Heuss im September 1958 bei einem Militärmanöver verabschiedet haben. Und das ist eine Aufforderung, mit der sich sowohl Soldaten ins Manöver als auch MusikerInnen ins Konzert verabschieden lassen.

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Tabuzonen nebenan

Dafür, dass Kommissköpfe täglich wieder aufs Neue siegen können, gibt es in vielen Ländern Truppenübungsplätze. Aber nur wenige von uns haben einen solchen Platz jemals betreten, und so mancher, der dort war und im Schlamm rumkroch, tat dies nicht freiwillig. Der Fotograf Claudio Hils hat fünf Jahre lang in Süddeutschland auf solchen Übungsgeländen, den letzten Tabuzonen direkt vor unserer Haustür, fotografiert. Seine Fotos präsentiert er jetzt in einer Ausstellung in der Kartause Ittingen als surreale Bühnenbilder: Auf abgelegenen Arealen wird nicht nur zwischen den Relikten der kriegerischen Vergangenheit und in neuen Trainingshallen, sondern in bühnenhaft konstruierten Dörfern, Wohnzimmern und Flugzeugen geübt, um für künftige Terroranschläge, kriegerische Angriffe und Katastrophenszenarien gewappnet zu sein. Idyllische Landschaften sind von bizarren Kulissen verstellt, daneben wirken „echte“ historische Bauten aus der Zeit des Kalten Krieges wie Filmschauplätze, wie menschenleere Bühnen für eine postapokalyptische Erzählung. Dabei wird angesichts heutiger Kriegstechniken auch die Vergeblichkeit all dieser Inszenierungen deutlich. Zwischen den Trainingshallen, den modellhaften und abgewrackten Gehäusen lässt sich erahnen, dass der Spielplan der Kriege des 21. Jahrhunderts ganz anders aussehen könnte.

Was: Claudio Hils, Heimatfront – Bühnenbilder des Krieges (2015-2020). Wann: Bis 18. April 2021, Montag bis Freitag, 14-17 Uhr, Samstag und Sonntage, 11-17 Uhr. Wo: Kartause Ittingen, CH-8532 Warth. Was kostet das: Pro Person SFr. 10.00, reduzierter Eintritt (AHV, Studierende, Gruppen ab 10 Personen) SFr. 7.00, Besichtigung der Klosterkirche SFr. 5.00, Kinder bis 16 Jahre, Schweizer Museumspass, Raiffeisenkarte gratis. Buch zur Ausstellung: Claudio Hils, Heimatfront – Bühnenbilder des Krieges | Home Front – Staging Wars, Hatje Cantz Verlag, 256 Seiten, 44,00 Euro, 48,00 SFr. im Museumsshop. Weitere Informationen: Hier finden Sie die Homepage der Ausstellung.

Oh, là, là – Spektralmusik

Musik (wie jede andere Kunst) war noch nie der reine Spaß an der Freud‘, sondern verdammt viel Handwerk oder gar Wissenschaft, das über Jahre und Jahrzehnte hinweg erbüffelt werden musste – wer es nicht glaubt, denke nur einmal an die Lehrjahre Bachs oder Beethovens, die ja nicht etwa Fugen und Sinfonien schreibend aus dem Ei schlüpften. Dass in diesem Lernprozess früher oft genug auch der Rohrstock sein (sich erst im Rückblick als segensreich erweisendes) Werk auf der Rückseite der angehenden Kompositionsgenies verrichtet haben mag, ist zeitbedingt nicht immer ganz auszuschließen. Trotzdem können HörerInnen viel Spaß an Musik haben, auch ohne sich mit deren technischen und pädagogischen Entstehungsbedingungen befasst zu haben, so wie mensch ja auch mit dem Fahrrad im Graben landen kann, ohne zu wissen, wie ein Bremsversagen funktioniert.

Nicht anders geht es auch mit der Spektralmusik, die sich seit den 1970er Jahre auf Klang und Klangfarben zurückbesinnt und gelegentlich sehr mathematisch und hypertheoretisch beschrieben wird. Im deutschsprachigen Raum hat sie keine Triumphe gefeiert, aber das ist auch kein Wunder, denn sie kommt aus Frankreich, und Instrumentalmusik aus Frankreich wird in Deutschland traditionell als viel zu leicht befunden, als unpolitisch, als nicht inneren Titanenkämpfen abgerungen, als l’art pour l’art, kurz: als verkappte Unterhaltungsmusik. Aber ganz so einfach ist es auch mit der Spektralmusik nicht, und es lohnt sich ja ohnehin fast immer, unbekannter Musik einen Abend lang sein Ohr (und vor allem auch das, was zwischen den Ohren seine Herberge hat) zu leihen – z.B. am 28. November in Winterthur, wo sich ein Konzertabend einigen spektralen Werken sowie den Klangfarben im Besonderen widmet.

Gérard Grisey, einer der Väter der Spektralmusik und seinerseits Schüler von Dutilleux und Messiaen, beschrieb den zweiten Teil seines Werkes „Talea“, das dem Programm den Titel gibt, so: „Die wilden Blumen und Gräser, die in den Zwischenräumen der Maschine wachsen, verleihen den Abschnitten eine völlig unerwartete Färbung.“ Eine derartige Äußerung (dem Komponisten vielleicht ja auch nur von einem Konzertveranstalter für ein Programmheft abgepresst) mag man unfreiwillig komisch oder auch naiv finden, aber Hand aufs Herz, so viel unterscheidet sie nicht von dem „Erwachen heiterer Empfindungen bey der Ankunft auf dem Lande“. Und das steht immerhin über dem Kopfsatz von Beethovens VI. Symphonie.

Programm: Stefan Keller (*1974), Schaukel, 2015, für Violine, Viola, Klavier; Fausto Romitelli (1963-2004), Domeniche alla periferia dell’impero. Seconda domenica; Hommage à Gérard Grisey, 2000, für Bassflöte, Bassklarinette, Violine, Violoncello; Gérard Grisey (1946-1998), Talea, 1986, für Flöte, Klarinette, Violine, Violoncello, Klavier; Kaija Saariaho (*1952), Cendres, 1998, für Altflöte, Violoncello und Klavier; Franco Donatoni (1927-2000), Ronda, 1984, für Violine, Viola, Violoncello, Klavier.

Was: Kammerkonzert „Talea – Unerwartete Färbungen“. Wer: ensembleTaG: Anja Clift (Flöten), Donna Louise Molinari (Klarinetten), Mateusz Szczepkowski (Violine), David Schnee (Viola), Alex Jellici (Violoncello), Rafael Rütti (Klavier). Wo: Theater am Gleis, Untere Vogelsangstr. 3, CH-8401 Winterthur. Wofür: Preis 30/20/10 CHF. Weitere Informationen: Eintrittskarten, Anfahrt, Maskenpflicht und Schutzkonzept finden Sie hier.

MM/red (Bilder: Claudio Hils, Staufer-Kaserne Pfullendorf, Tag der Bundeswehr 2019, Fotografie, © 2020 Claudio Hils; ensemble TaG © Theater am Gleis)