Kreuzlingen solidarisch

Egal ob in privaten oder offiziellen Projekten: In der Corona-Krise haben KreuzlingerInnen ihre Solidarität unter Beweis gestellt. Rund 100 Kreuzlinger Haushalte haben den Einkaufsdienst von „Kreuzlingen hilft“ mehrere Wochen lang genutzt; über 80 Helferinnen und Helfer waren im Einsatz. Die Idee dazu kam von Zjelka Blank (Bild), Leiterin des städtischen Kompetenzzentrums Integration. Sie meldete sich extra dazu bei Facebook an und gründete eine Gruppe, die großen Zuspruch erhielt (seemoz berichtete).

Was den Kreuzlinger Stadtrat umgehend dazu veranlasste, den Ball aufzugreifen: Mitarbeitende wurden angewiesen, Tische im Kreuzlinger Begegnungszentrum Trösch beiseite gerückt und Einsatzpläne aufgestellt. „Am Anfang lief viel über uns“, berichtet Paul Sommer, der den praxisbegleitenden Teil seines Studiums im Trösch absolviert und zahlreiche Helfer registrierte und vermittelte. „Um den Administrationsaufwand klein zu halten, haben wir so oft wie möglich Patenschaften aufgebaut. Die sind teilweise jetzt noch aktiv.“

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Auf Flyern bewarb die Stadt das Angebot. Wer zur Risikogruppe gehört, konnte über die Kontaktangaben Hilfe bei Einkäufen oder Besorgungen anfordern. Vom top organisierten Einkaufszettel, auf dem die Waren für eine ganze Woche so aufgelistet wurden, wie sie beim Gang durch den Coop an die Reihe kommen, bis zum Auftrag, doch bitte sechs Kästen Mineralwasser zu holen, weil die gerade im Angebot sind, waren stets mehr oder weniger sinnvolle Bestellungen dabei. Nicht immer stand die Notwendigkeit im Vordergrund. Für viele Menschen sei es auch der Schwatz an der Tür, der soziale Kontakt, gewesen, der zählt, sagt Sommer. Aber auch Botengänge zur Apotheke oder Geldabheben bei der Bank wurde gewünscht. Über das Netzwerk wurden auch Masken verteilt, die eine Frau privat hergestellt hat. „Meiner Oma habe ich auch eine gebracht“, verrät der junge Mann. Jung und alt hätten sich beteiligt. Und was ihn besonders freut: „Dass sich alle vertraut haben.“

Auch wer richtig tief in der Tinte saß, konnte am Trösch unkompliziert Hilfe fürs Nötigste bekommen. Das Departement Soziales verteilte Lebensmittelgutscheine für Menschen, welche durch die Corona-Krise in eine persönliche Notlage geraten waren. „Weil alternative Hilfseinrichtungen wie Tischlein deck dich Kreuzlingen,geschlossen werden mussten“, so Stadtrat Markus Brüllmann. Rund 50 Personen hätten das Angebot genutzt, welches zeitweise an fünf Tagen die Woche bestand und nun beendet wurde. Er habe aber auch im privaten Bereich viel Solidarität gespürt, sagt Brüllmann. „Trotz Social Distancing sind sich die Menschen näher gekommen.“

Das kann auch Ursula Diener bestätigen. Sie hatte von „Kreuzlingen hilft“ über die Presse erfahren und den Einkaufsdienst mehrfach genutzt. „Ich habe aber auch noch viele Vorräte im Keller und in der Tiefkühltruhe gehabt, und eine Nachbarin hat mir Lebensmittel vom Hof geholt“, sagt die 77-Jährige. „Und am Anfang bin ich auch selbst noch in der Früh in den Supermarkt gegangen.“ In der Nachbarschaft sei man sich in der Krise näher gekommen, sagt sie. Obwohl sie einen Garten hat, war ihr das Alleinsein dennoch nach einigen Wochen verleidet. „Ich vermisse es, mich mit Freunden zu treffen oder Ausflüge zu machen, zum Beispiel nach Konstanz“, gesteht sie. Und was die ehemalige Pflegefachfrau im Bereich Mutter und Kind stört sehr: „Dass ich nicht helfen konnte, denn ich fühle mich gesund.“

Das Ohr ganz nah bei den Bürgern hatten in der Krisenzeit die Quartiervereine. In Kurzrickenbach transportierte der Verein über einen Mailverteiler Hilfsgesuche aller Art direkt an alle Mitglieder. „Mit einigen Älteren ohne E-Mailadresse sind wir telefonisch in Kontakt getreten“, sagt Präsident Georg Schulthess. Das Angebot sei geschätzt worden, viele hätten sich bedankt. Da insbesondere die Versorgungslage intakt geblieben ist, seien jedoch kaum Hilfsanfragen eingetroffen. „Die Nachbarn organisieren sich selber“, interpretiert Schulthess.

Weil infolge der Krise Vereinsaktivitäten wie der Stammtisch pausierte, wollte der Quartierverein Bodan auf eine andere Weise gegen Langeweile im Lockdown kämpfen. Die Idee: In einer Quartierzeitung sollten die Mitglieder als Reporter aus ihrem Corona-Alltag berichten. Schon am 9. April wurde die erste Ausgabe versandt – sie enthielt unter anderem einen Beitrag von Nationalrat Christian Lohr – gefolgt von Ausgabe 2 am 30. April. Diese kam schon auf doppelt so viele Seiten. Er hoffe, dass die Menschen die Zeit des Eingeschlossenseins nutzen, „um zu reflektieren, was uns im Leben wirklich wichtig ist“, schrieb Präsident Bernard Roth im Vorwort. Wer weiß, vielleicht ist’s ja Schreiben: Eine dritte Ausgabe ist in Planung.

Bei der Evangelischen Kirche Kurzrickenbach gibt es ein mit dem Zwinglipreis für kirchliche Innovation ausgezeichnetes sozialdiakonisches Projekt, den „Open Place“. Normalerweise Anlaufstelle für Menschen in schwierigen Situationen, musste Pfarrer Damian Brot auch hier die Türen in der Corona-Zeit schließen. Um seine Schäfchen kümmerte er sich trotzdem: „Wir haben vor dem Lockdown Kontaktdaten gesammelt und dann mit den Menschen telefoniert, Videokonferenzen abgehalten, gemeinsam Texte gelesen oder kleine persönliche Videobotschaften versandt“, nennt er einige Versuche, die Gemeinschaft in dieser schweren Zeit aufrechtzuerhalten. In der Krise sei auch neuen Menschen geholfen worden, von den Stammgästen hätten aber viele nicht die Möglichkeit gehabt, an den Videokonferenzen teilzunehmen. „Das Open Place lebt von der Begegnung und Gemeinschaft im Café und manche der Gäste sind obdachlos.“ Hilfe bot die Gemeinde auch mit niederschwelliger Sozialberatung, indem sie Lebensmittelgutscheine verteilte und in harten Fällen auch Geld aus dem Sozialfonds auszahlte. „Besonders gefreut hat mich, wenn Gemeindemitglieder privat ihre Hilfe angeboten haben“, sagt Pfarrer Brot. Er hofft, diesen Drive auch nach der Krise aufrechtzuerhalten. Unter anderem sei mit einem Abholdienst für Altglas, Dosen und Verpackungen ein neues Projekt in der Testphase.

Direkt nebenan in der Sakristei verteilt der Verein VerwertBar jede Woche Lebensmittel. So helfen die Vereinsmitglieder Bedürftigen und tun gleichzeitig etwas gegen Lebensmittelverschwendung. In der Krise seien neue Gesichter dazugekommen, sagt Beni Merk, einer der Gründer des Projekts. Eigentlich hätten sie pausieren müssen. Die gestiegene Nachfrage – am Ende waren es 82 Bezüger – bestärkte sie jedoch darin, die VerwertBar als Lieferservice weiterzuführen. Bettina Härle, Mutter von drei Kindern, ist mit dem Familienvan gekommen. „Mein Mann verdient gut und ich helfe gerne mit. Es tut gut, etwas zurückzugeben“, sagt sie und trägt Sechserpackungen Eistee zum Auto. Sie hätten sehr viel Lebensmittel von Tischlein Deck dich aus Winterthur bekommen; neben Brot, Gemüse, Salat und Obst wandern an diesem Tag auch fertige Tomatensuppe und Balsamico zu den Bezügern. Aber auch hier sind es nicht nur die Lebensmittel, die zählen. Der Schwatz an der Tür, die Möglichkeit, rasch Sorgen loszuwerden und zu wissen, dass sich jemand kümmert, wird geschätzt. Am ersten Stopp öffnet eine Seniorin die Tür, im Eingangsbereich steht ihr Rollator. Sie strahlt über das ganze Gesicht.

Seit Dienstag, 19. Mai, haben der Open Place und die VerwertBar wieder geöffnet. Auf einen Schwatz vorbeikommen oder Lebensmittel abzuholen, ist unter Einhaltung der Abstandsregeln und weiterer Sicherheitsmaßnahmen wieder möglich. Auch Konstanzer haben das Angebot vor dem Lockdown regelmäßig genutzt.
www.facebook.com/OpenPlace
www.facebook.com/verwertbarkreuzlingen

Stefan Böker (Text und Bilder)