Eine emanzipatorische Katholikin

Maria 2.0: Unter diesem Namen verweigern seit 11. Mai engagierte Katholikinnnen sämtliche kirchlichen Dienste. In einer Petition an den Papst verlangen sie eine ernsthafte Aufarbeitung der Missbrauchsfälle, aber auch den Zugang von Frauen zu allen Kirchenämtern – eine Forderung, die die 1999 verstorbene Schweizer Juristin Gertrud Heinzelmann bereits in den Sechzigerjahren gestellt und damit den Vatikan aufgeschreckt hatte.

Anzeige

Eine Rothaarige und dazu noch eine Katholische! Die Zehnjährige hatte es nicht leicht, als ihre Familie nach Wallisellen bei Zürich zog. In dem überwiegend protestantischen Ort galten „Katholen“ als hinterwäldlerisch und „sternehagelsaudumm“. Doch die 1914 im aargauischen Wohlen geborene Gertrud Heinzelmann, eine Kaufmannstochter, zeigte es den Lästermäulern und war bald Klassenbeste. Weniger gut kam sie mit den Diskriminierungen zurecht, denen sie später begegnete. Hatte sie es als Kind schon ungerecht gefunden, dass sie nicht ministrieren durfte, empörte es sie nun „heißkochend“, wie sie als Frau rechtlich und beruflich benachteiligt, politisch entmündigt wurde – obwohl sie weit mehr draufhatte als all die Männer um sie herum.

Kein Dienst am Vaterland ohne Stimmrecht!, entschied sie deshalb, als Tausende Schweizerinnen während des Zweiten Weltkriegs in den militärischen Frauenhilfsdienst strömten. Glaubten die etwa, dass man ihnen danach als Dank das Wahlrecht gewähren würde? Zu jener Zeit war sie bereits Doktorin der Rechtswissenschaften und hinreichend desillusioniert. Bei ihrer Promotion über das Kirchenrecht hatte sie entdeckt, dass die politisch-rechtliche Diskriminierung der Frauen nur Teil einer viel größeren war: der geistigen Diskriminierung im Christentum, unter anderem durch Kirchenlehrer wie Thomas von Aquin. Dieser behauptete, dass Jungen das Normalprogramm der Schöpfung seien und Mädchen nur aufgrund eines Defekts (etwa eines fehlerhaften Samens wegen) gezeugt würden, also eine biologische Fehlentwicklung seien. In ihrer Doktorarbeit zeigte sie die Widersprüche auf, in die sich der überaus einflussreiche Theologe verwickelt hatte, und dass sich mit seinen Schriften keineswegs der Ausschluss der Frauen vom Priesteramt rechtfertigen ließ.

Damals hätte die langjährige Vizepräsidentin des Schweizerischen Verbands für Frauenstimmrecht gern ein Grundsatzwerk über „Frauen und Kirche“ geschrieben, aber es wollte ihr einfach nicht von der Hand gehen. Ihre Stunde kam 1962, als Johannes XXIII. das Zweite Vatikanische Konzil einberief. In einer Eingabe an die vorbereitende Kommission zur Modernisierung der Kirche forderte die versierte Juristin forsch im Namen „der weiblichen Menschheit, (…) an deren Unterdrückung die Kirche durch ihre Theorie von der Frau in einer das christliche Bewusstsein schwer verletzenden Weise (…) beteiligt ist“, gleiche Rechte und ein neues Frauenbild der Kirche ein. In der Schweizer Presse erntete sie dafür beißenden Spott, und auch die Schweizer Katholikinnen ließen sie kleinmütig im Stich. Mit ihren Forderungen für kirchliche Gleichberechtigung und Frauenordination drang sie aber bis ins Innerste der Kirche vor, sodass man sich dort, aufgeschreckt und irritiert, zumindest bemüßigt fühlte, auch Frauen zum Konzil zuzulassen. In anderen Ländern, vor allem in den USA, brachte ihr Vorstoß Diskussionen und Entwicklungen in Gang, die Johannes Paul II. für die römisch-katholische Kirche 1994 mit einem Machtwort beendete: Per Unfehlbarkeitsbeschluss erklärte er das Priesteramt zum reinen Männeramt.

Anzeige

Mehr Erfolg war Gertrud Heinzelmann im Kampf um das Schweizer Frauenwahlrecht beschieden. Am 1. März 1969 rief sie mit zum „Marsch auf Bern“ auf. Die landesweite Empörung darüber, dass der Bundesrat (die Schweizer Regierung) die Europäische Menschenrechtskonvention zwar unterzeichnen, dabei aber das Frauenwahlrecht ausklammern wollte, hatte die fragmentierte Frauenbewegung geeint: 1971 erhielten die Schweizerinnen das eidgenössische Stimm- und Wahlrecht. 1999 starb die aufmüpfige Katholikin hochbetagt. Die Petition von Maria 2.0 an Papst Franziskus hätte sie sicher mit Freude unterschrieben.

Brigitte Matern (Bild: Maria 2.0)