Mit der U-Bahn bis nach Auschwitz
Donnerstag 7. Juni 2012
Morgen wird bei der Fußball-Europameisterschaft das erste Spiel angepfiffen. Die Organisatoren gehen nicht davon aus, dass es zu Ausschreitungen rechtsradikaler Hooligans kommt, wie im Vorfeld befürchtet. Die Sicherheitsvorrichtungen sind engmaschig und für viele „Fans“ aus der rechten Szene sind die Eintrittspreise sowieso unerschwinglich. Der harte Kern der Rechtsextremen hat sich überwiegend längst in die unteren Ligen zurück gezogen und treibt dort sein Unwesen. Nachfolgend ein Blick in einige deutsche Stadien.
Der 1991 verstorbene Neonazi Michael Kühnen ordnete schon in den achtziger Jahren an, dass die Nazis in die Fußballstadien gehen sollten, um dort neue Anhänger zu rekrutieren. Diese Aufforderung wurde in vielen Städten umgesetzt. Am bekanntesten wurde Siegfried Borchardt (SS- Siggi) vom Dortmunder Fanclub Borussenfront. Nachdem sich Dortmunder Fans jahrelang gegen die Nazis der Borussenfront gewehrt haben und der Fanbeauftragte von Borussia Dortmund den Mitgliedern des Fanclubs neue Wege zur Unterstützung des Vereins aufzeigen konnte, löste sich die Borussen-Front auf. Zumindest Siegfried Borchardt ist aber noch immer politisch aktiv. Seit Anfang 2000 ist er Mitglied der »Kameradschaft Dortmund«, in der viele Autonome Nationalisten aktiv sind, die sich das Ziel gesetzt haben, Dortmund zu einer rechten Hochburg auszubauen.
Braune Subkultur in der Südkurve
Auch bei anderen Fußballvereinen wurden Fanclubs mit rechtem Hintergrund gegründet. In Stuttgart beim VFB »Neckartfils« und bei Eintracht Frankfurt die Gruppe »Adler-Front«. Die Embleme beider Gruppen sind an das Zeichen der Nationalen Front angelehnt. Die legendären Hertha-Frösche hatten ebenfalls über Jahrzehnte enge Kontakte zu Berliner Nazis.
Nach 1990 waren die Anhänger der rechtsradikalen FAP (Freiheitliche Arbeiterpartei) mit die ersten, die die Chance zur Eingliederung ostdeutscher Nazis suchten. Bereits in den Fußballstadien der DDR hatten diese eine eigene Subkultur entwickelt. Der Berliner Fußballclub (BFC) war schon vor 1989 durch seine rassistischen und neonazistischen Fans aufgefallen. Am 17. Oktober 1987 hatten BFC- Fans zusammen mit Nazis aus dem Umfeld der Hertha-Frösche aus Westberlin ein Punkkonzert in der Ostberliner Zionskirche überfallen. Sie stürmten mit „Sieg Heil“- Rufen die Kirche und brüllten »Juden raus aus deutschen Kirchen«. Beim Prozess gegen die Täter wurde zum ersten Mal deutlich, wie eng bereits damals die Zusammenarbeit zwischen rechten Fußballfans aus Ost- und Westberlin war.
Randale in den unteren Ligen
Nachdem die Sicherheitskontrollen in der ersten und zweiten Liga in den letzten Jahren verstärkt wurden, sind viele Hooligans und Nazi-Fans zu den Vereinen in die unteren Ligen gegangen. Mitglieder der Borussenfront, die in Dortmund Stadionverbot haben, besuchen jetzt Spiele des DSC Wanne-Eickel. Die »tageszeitung« hat bereits 2006 über diese Entwicklung berichtet: »Die Besucher des Verbandligaspiels Sportfreunde Oestrich gegen DSC Wanne-Eickel am 17. April dieses Jahres hatten wahrscheinlich ein mulmiges Gefühl. Ein gutes Dutzend martialisch gekleideter Zuschauer entrollte ein riesiges Transparent mit der Aufschrift `Borussenfront – Die Legende lebt´.« (3.6.2006) Wenige Tage zuvor hatten die Mitglieder den 20. Geburtstag der Borussenfront im hessischen Kirtorf gefeiert. Unter den 600 Besuchern des Festes waren viele Nazi-Fans aus ganz Deutschland.
In den unteren Ligen sind die Sicherheitskontrollen lascher und die Vereinsführungen oft von den Ausschreitungen und den rassistischen Parolen auf den Rängen überfordert. Die Situation verschärft sich, wenn dann auch noch Ordner aus Nazigruppen angestellt werden, um für Ordnung zu sorgen.
Antisemitismus im Stadion
Antisemitische Parolen spielen eine nicht zu unterschätzende Rolle in den Stadien Deutschlands. Bei einem Spiel der Nationalmannschaft in Polen trugen Nazi-Fans aus Deutschland ein Transparent mit dem Satz: »Wir grüßen die Schindlerjuden«. Das sogenannte U-Bahn Lied gehört inzwischen zum Liedgut vieler rechter Fußballfans in Deutschland. Es lautet: »Wir bauen eine U-Bahn, wir bauen eine U-Bahn von (…) nach Auschwitz.« Die jeweilige gegnerische Stadt wird dann eingefügt. Immer wieder tauchen auch Transparente auf, die den gegnerischen Club als »Judenclub« diffamieren. Jedesmal, wenn der OFC aus Offenbach in Frankfurt spielt, haben die Fans entsprechende Transparente dabei.
Gleiches gilt für Dynamo Dresden. Bei Auswärtsspielen dieses Klubs werden immer wieder antisemitische Plakate und Transparente hochgehalten. In Kaiserslautern wurde im Februar 2012 der aus Israel stammende Spieler Itay Shechter beim Training von Fans des eigenen Vereins als »Drecksjude« beschimpft. Nach dem Vorfall distanzierte sich der Verein sofort von den antisemitischen Ausfällen. Doch viele andere Vereine ignorieren die antisemitischen Gesänge und Parolen ihrer Fans. Ein weiteres Beispiel für den weit verbreitenden Antisemitismus in den Stadien zeigt sich bei den Spielen der Mannschaft von Haifa in europäischen Wettbewerben. Fast immer ertönt da ein Zischen auf den Rängen, das an ausströmendes Gas erinnern soll. Damit will man der Mannschaft und ihren Anhängern deutlich machen: Ihr wurdet in Auschwitz vergessen.
Die Ultras
Aus Italien ist Mitte der achtziger Jahre die Ultra-Bewegung nach Deutschland gekommen. Im Mutterland Italien sind diese besonders fanatischen Fans oft bekennende Faschisten. Nicht so in Deutschland. Hier überlappen sich zwar die verschiedenen Fanszenen, wie die Hooligans, die Nazi-Fans und die Ultras, distanzieren sich aber auch oft voneinander. Viele der Ultras verstehen sich eher als links und wollen nur den Verein unterstützen. Dazu gehört oft eine ausgearbeitete Choreographie auf den Rängen und das Abbrennen von Feuerwerkskörpern in den Stadien.
Musik hält die Szene zusammen
Musik spielt für das Gemeinschafterlebnis der verschiedenen Fangruppen eine große Rolle. Die »Böhsen Onkelz« gelten nach wie vor als die Kultband in den Stadien Deutschlands. Sie haben in Frankfurt im Umfeld der Hooligans von Eintracht Frankfurt angefangen und sich sehr schnell einen Namen in der rechten Szene erspielt. Aus Bremen kommt die Band »Kategorie C – Hungrige Wölfe«. Kategorie C lautet die Polizeibezeichnung für Fans, die Gewalt suchen. Die Band wurde 1998 zur Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich gegründet. Immer wieder werden Konzerte der Band verboten.
In der Verbotsverfügung für ein Konzert 2011 in Bremen hieß es: »…von der Band, die Gewalt zwischen Fans und der Polizei verherrlicht sowie Fremdenfeindlichkeit propagiert. Der Auftritt dient der Verbreitung von rassistischen und nationalsozialistischen Gedankengut und dessen Verherrlichung.« Weiter heißt es in der Begründung, dass die Musik der Band geeignet sei »insbesondere auch durch Ausdruck aggressiven, martialischen und militanten Verhaltens und Ausländerfeindlichkeit, Teile der Bevölkerung massiv einzuschüchtern und das friedliche Zusammenleben der Bevölkerung erheblich zu beeinträchtigen.« Trotz dieser Einschätzung der Stadtverwaltung von Bremen finden im Zusammenhang mit Fußballspielen immer wieder Konzerte von »Kategorie C – Hungrige Wölfe« statt. Es wundert nicht, dass der Auftritt der Band mit ein Höhepunkt bei der Geburtstagsfeier der Borussenfront war. Anwohner berichteten damals von Rufen wie »SS, SA, Borussia«.
Der Einfluss der NPD
Die NPD versucht sich seit einiger Zeit als Partei darzustellen, die sich um die Belange der kleinen Leute kümmert. Zu dieser Strategie gehört, dass sie ihre Mitglieder und Anhänger auffordert, in Freiwilligen Feuerwehren, Elternbeiräten und Fußballvereinen Mitglied zu werden. Sie sollen sich dort engagieren, damit man sie als die netten Leute von der NPD wahr nimmt. Erst im zweiten Schritt sollen dann Interessierte an die Partei herangeführt werden.
Der NPD-Funktionär Jens Pühse ist Ende letzten Jahres von Werder Bremen ausgeschlossen worden. Der Verein hat sich dabei auf seine Satzung berufen. Auf der Interseite von Werder Bremen steht dazu: »Satzungsgemäß fördert Werder Bremen die Funktion des Sports als verbindendes Element zwischen Nationalitäten, Kulturen, Religionen und sozialen Schichten. Er bietet Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen eine – unabhängig von Abstammung, Hautfarbe, Herkunft, Glaube und sozialer Stellung sowie sexueller Identität – sportliche Heimat. Diese Werte werden insbesondere durch das gute soziale Engagement des Vereins verwirklicht.« Mit diesen Zielen, so der Verein, ließe sich die Mitgliedschaft eines Funktionärs der NPD nicht vereinbaren.
Einige Vereine haben inzwischen auch begonnen, die von Nazis bevorzugte Kleidermarke Thor Steinar in den Stadien zu verbieten. Bei Dynamo Dresden hängen an den Eingängen Plakate mit Symbolen und Marken aus, die im Stadion verboten sind.
Vermehrt nutzen Freie Kameradschaften und Autonome Nationalisten Fußballspiele, um sich zu treffen und zu vernetzen. So ist 1860 München inzwischen zum Treffpunkt von Autonomen Nationalisten und Anhängern des Freien Netz Süd geworden. Bei Eintracht Braunschweig haben Autonome Nationalisten mit »Blue Berets Brunswiek« sogar einen eigenen Fanclub gegründet. . Alemannia Achen wehrt sich zurzeit ebenfalls gegen eine Unterwanderung durch Neonazis. Massive Probleme hat auch der 1. FC Magdeburg. Die Fangruppe »Blue White Street Elite« überfiel bei Auswärtsspielen des Vereins gegnerische Fans. Sie ist von Mitgliedern verschiedener Kameradschaften im Jerichower Land gegründet worden. Der Fanclub wurde am 1. April 2008 vom Innenministerium verboten. Der Staatssekretär für Inneres, Rüdiger Erben, charakterisierte die Gruppe damals als »fanatische Fußballfans und gewaltbereite Rechte«. Nach einem längeren Rechtsstreit ist das Verbot zurzeit wieder außer Kraft gesetzt.
Linke Fans halten dagegen
Um diesen neonazistischen Unterwanderungen etwas entgegenzusetzen, haben linke und alternative Fußballfans das »Bündnis antifaschistischer Fußballfans« (BAFF) gegründet. Allerdings wurde das Bündnis bereits nach kurzer Zeit in »aktive Fußballfans« umbenannt. Die antifaschistische Richtung blieb jedoch erhalten. Linke und antifaschistische Fußballfans zeigen ihre Positionen oft durch Transparente im Stadion. Immer wieder werden die jedoch mit der Begründung beschlagnahmt, dass das Stadion politisch neutral sei. Auch die Fans von St. Pauli berichten immer wieder, dass bei Auswärtsspielen ihre Fahnen und Transparente beschlagnahmt werden, die der rechten gegnerischen Fans dagegen nicht.
Autorin: Janka Kluge/antifa (Magazin der VVN-BdA)

